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-: DIE
1 LITERATUR
H! 4ERAUSGEGEBEN -VON
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335
UCSB LIBRARY
4 .t-
DIE LI TERATUR
SAMMLUNG ILLUSTRIERTER
EINZELDARSTELLUNGEN
HERAUSGEGEBEN VON
GEORG BRANDES
ACHTUNDZWANZIGSTER BAND
Entwurf eines Zola-Monuments
von Constantin Heanter
Photographie Keller & Retner
in Berlin, Copyright 1906
DIE
\LITERATUR
HERAUSGEGEBENVON
GFORG-RR ANDFS
BARD-mRQVARDTeFeBEfiLlW
Published November i $. 1906.
Privilege of Copyright in the
United States reserved under the
act approved March 3. i^o^by
Bard, Marquardter Co. in Berlin
ffs *
i?f?
7^f GE7S7"E ZOLJIS!
EINHÖRIGE WOLLEN
dies zum so und so vielten Male
festgestellt haben: Die höhere
Kultur in Europa ist des Spek-
takels und Getöses der Massen
müde.
Selbst wo die Massen das Bild
der Größe und Heldenhaftigkeit gewähren, in
organisierten Kämpfen um Brot und Recht wie
in blutigen Schlachten und Revolutionen, sind
sie im Grunde nicht besser als da, wo sie sich
ducken und blöde dem harten Einerlei ihres
Lebensbetriebes im grauen Alltag sich unter-
werfen.
Man sagt heute Masse, wo das freundliche
Übereinkommen früher das Wort Volk setzte.
Eine Variante lautet Pöbel. Verdorbenes und
Verkommenes aus besseren Entwicklungszeiten
neben ursprünglich Rohem drängt sich im Pöbel
zusammen. Pöbel ist unten und Pöbel ist oben,
trägt Masken und Verkleidungen, sitzt zuweilen
auf Thronen, Minister- und Bischofsstühlen, hält
die Wage der Gerechtigkeit; kommandiert, drillt,
lehrt, predigt. Die Sozialdemokraten selbst wei-
sen mit aristokratischem Akzent auf ein unter
ihnen stehendes Lumpenproletariat. So muß
die Gesellschaftskritik in der Wortwahl rück-
sichtsloser werden.
2 MICHAEL GEOJjG COJVJjJlD
Die Höhe der Kultur bemißt sich nach der
Zahl und Stärke der Siege, die von den schöp-
ferischen freien Geistern gegen Volk, Masse,
Pöbel und deren überlieferte Meinungen ge-
wonnen werden. Es gibt im irdischen Daseins-
kampfe keine wertvolleren Siege. Sie allein we-
ben um das brutale Erdenleben den schönen
Schein aufsteigender edler Menschlichkeit. Da-
neben verblassen die Heiligenscheine derjenigen,
die ihr Leben dem Traum einer zukünftigen
Massen-Beseligung in einem himmlischen Jen-
seits zum Opfer gebracht. Nicht langsamer wird
der Glanz um den Namen der Massenheilkünder
im seligen Zukunftsstaat verblassen. Die Erlö-
sung der Welt kommt, wenn das pompöse Wort
einem Irdischen gestattet ist, durch die höhere
Kultur, die ihrem inneren Auslese-Gesetz treu
bleibt: Wille zur Macht! Wille zur Göttlichkeit!
Dieser Wille zur Macht erfüllt den letzten
Sinn des Lebens und seiner unlösbaren Rätsel:
er verwirklicht die Leitbilder in der Seele der
starken Menschen, die ] deale des typischen Men-
schentums. Die höchsten Exemplare der Gat-
tung werden damit zu Vollendern der Natur, zu
Mitarbeitern Gottes.
Und dies, behaupten die Feinhörigen, bleibe
ewig die Herausforderung an die Welt: du hast
genau soviel Bedeutung, als du höhere Kultur
verwirklichst, genau so viel Wert, als du dich
mit den Leitbildern der Großen beseelst. Keiner
EMILE ZOLA
kann sich seine eigene Seele bauen, der sich von
der flüchtigen Erscheinung der Dinge beherr-
schen läßt, statt sie sich, seinem Ichbewußtsein,
Untertan zu machen.
Von der intellektuellen Seite: die großen Künst-
ler, Dichter, Forscher, Gelehrten, von der ma-
teriellen Seite: die Industriellen, Händler, Po-
litiker— sie sind als die ausgeprägten Vollzieher
des Willens zur Macht die Schöpfer und Er-
halter der höheren Kultur, die Wertbildner des
werktätigen Lebens. Sie kennen kein anderes
Gesetz als das in ihrer Brust und wissen, daß
sich dieses mit der unweigerlichen Gesetzmäßig-
keit alles Geschehens im Himmel und auf Er-
den deckt. Die Fortschritte der höheren Kultur
selbst hängen ab von dem Erfolge, mit welchem
die Erscheinungen des Kosmos im großen wie
im kleinen in ihrer durchgängigen Gesetzmäßig-
keit festgestellt und der Einsicht weiterer Kreise
einverleibt werden.
Die Menschen der höheren Kultur sind für
sich und nur sich selbst verantwortlich. Gesetz-
mäßigkeit ist ihre letzte Rechtfertigung. Sie er-
kennen im Dogma irgendwelcher Art nicht mehr
als eine beliebige Behauptung, deren Beweis
nicht erbracht ist und deren Bedeutung nur nach
dem moralischen Rang ihres Urhebers rubriziert
wird. Sie fragen nichts nach Rücksichten auf die
Interessen einer Gemeinde, eines Vereins, einer
Zunft, einer Brüderschaft. Ihre ganze Liebe
4 MICHAEL GEOJ{G C0JV71AD
und Ehrfurcht gehört ihrem Werke. Alles ist
ihnen erlaubt in Wort und Tat, was ihrem Werke
dient, dem Ausbau der höheren Kultur. Kein
kritischer Spruch aus den unteren Sphären, kein
Wehschrei der Mittelmäßigen und Dummen be-
rührt sie. Die Geschichte der geistigen Welt
ist die Geschichte des Kampfes um die höhere
Kultur. Die Kirchen mit dem Dogma vom Ewig-
gestrigen scheiden von selbst aus. Sie bewah-
ren ihr Wesen für sich und haben ihre aktive
Rolle als historischer Faktor zur Höherführung
der Zivilisation aufgegeben. Sie kennen kein
Aufwärts, sie bewegen sich im Kreis. Als ge-
schichtliche Erscheinung erwecken sie lebhaftes
1 nteresse und lösen vornehmlich ästhetische Reize
von intimer Stimmungsgewalt aus. Wo sich ihre
Einflußsphäre mit der höheren Kultur berührt,
ist äußerstes Mißtrauen und Achtgeben am Platze.
Hier können sich Reibungsflächen bilden mit
all dem widerlichen Getöse der Massen und dem
Gebrause des Pöbelwindes. Die Stumpfen, die
Gleichgültigen, die Rohen und Zukurzgekom-
menen mögen in ihren Fabel- und Märchen-
grenzen verharren.
Der Kern aller Wahrheit und Schönheit ruht
in der ungebrochenen Kraft des Menschlichen
mit der ganzen Fülle seiner Impulse. Aus ihr
stammt alle geistige und nationale Erneuerung
der alten Völkergruppen. Und diese Erneue-
rung vollzieht sich in dem Maße und Grade der
EMILE ZOLA 5
Durchsetzung der aJten Völkergruppen mit neuen
Kulturträgern in den verschiedenen sozialen
Schichten. Der heilige Geist der Kultur bindet
sich an keine Klasse, privilegiert keinen Stand.
Der Arbeiter, der Bauer, der Handwerker wird
von seinem Wehen erfaßt. Die großen Strö-
mungen aus allen Zeiten und allen Enden der
Menschheit erfüllen die Luft. Der Geist eines
Eseltreibers, der nie von Goethe, Shakespeare,
Napoleon, Dante, Bismarck, Darwin, Michel-
angelo und allen Sternbildern der Großen ge-
hört hat, wird verändert durch die Tatsache, daß
sie existieren und fortwirken und daß sich im-
mer neue Lichtquellen um sie reihen. Und nicht
nur der Geist des Eseltreibers und das Gemüt
des Straßenkehrers werden unbewußt verändert
durch den leuchtenden Schönheitshimmel über
ihnen und durch die Lichtelemente, die rings
die Luft durchzittern, auch jene stolzen Bürger,
die ihr ausgiebiges Brot und ihre amtlich be-
stätigte vornehme Bildung und ihre feine Stel-
lung noch von den alten Autoritäten beziehen,
die der höheren Kultur nur noch Schatten und
Schemen sind, selbst sie, soweit sie nicht durch
und durch verdumpft sind, ziehen den Lebens-
odem, der ihren geistigen Fortbestand ermög-
licht, aus den frischen Strömungen der höheren
Kultur. Die ganze staatlich geordnete Bildungs-
welt würde im eigenen Staub ersticken, wenn
die vom staatlichen Konservatismus verfehmten
6 MJCHJIEL GEOJjG CONRAD
Zivilisation - Revolutionäre nicht für Auslüf-
tung sorgten.
Die überlieferten Staatsformen sind kaum mehr
als alte Theaterkulissen. Trotz allen dynasti-
schen Pompes mit seinen mystischen Gottes-
gnadentümlichkeiten sieht sich das brave Europa
durch die Not der Entwicklung gezwungen, sich
sachte zu nüchternen Interessenbünden umzu-
wandeln. Im Kampf um Arbeit und Brot ha-
ben die Massen ihr Recht am Betrieb der Staats-
verwaltung entdeckt, und die Träger der Krone
müssen es ruhig gut heißen, daß die Regierun-
gen mit dem Pöbel paktieren, um überhaupt
regieren zu können. Mit dem Stimmrecht ist
der Mechanismus der Zahl über den alten Staat
Herr geworden und hat kaltblütig die Verpö-
belung des Junkertums in die Wege geleitet.
Manche Staaten haben sich durch die schlechte
Führung ihrer Geschäfte so mit Schande be-
deckt, daß sie nur noch schimpflich fortexistie-
ren, wie ein verlorener Mensch mit Selbstmord-
gedanken. In dem Maße, wie die höhere Kul-
tur über die niedrigen Staatsgewohnheiten an
Atmosphärendruck gewinnt, gerät der ganze alte
Sauerteig im Moralischen und Wirtschaftlichen
in Bewegung, bis er schließlich hinausgefegt
wird. Dazu kommt, daß von Staat zu Staat,
über die fernsten Grenzen und Ozeane hin-
weg, eine wachsende Willensübertragung statt-
findet, daß sich die gegensätzlichen Rassen und
EMILE ZOLA
KuJturordnungen der bewußten Beeinflussung
instinktiv fügen, gleichgültig, welche Komödie
die alte Diplomatenkunst mit ihren Vorbehalten
und Zugeständnissen spielt. Die Staaten, die
mit der christlichen, mit der konfessionell rö-
mischen oder griechischen Weltanschauung als
ihrer unerschütterlichen Grundlage protzen, müs-
sen mit Türken, Juden und Heiden paktieren,
um sich auf den Beinen zu erhalten. Die wirk-
liche Erscheinungswelt, wie sie sich in den heuti-
gen Staaten darstellt, hat mit der christlichen Aera
nur noch die mittelalterliche Auszeichnung und
repräsentative Verehrung der Kirchengewalten
gemeinsam; vom Mittelalter sind äußeres Ge-
pränge, Maulmachen und Bücklinge geblieben.
Der Weltlauf mit seinem ehernen Gesetzesschritt
beseitigt jede Entwicklungs-Hemmung. Der
Geist der Natur ist ewige Wiedergeburt.
Die schärfste Propaganda der Tat für den Aus-
bau der höheren Kultur hat im neunzehnten
Jahrhundert, das ein symbolisches Gewaltgenie
von dem Ausmaße des Riesen Napoleon eröff-
net hat, das Heraufkommen der großen Willens-
menschen, der unbändigen Arbeitsnaturen in
Kunst und Dichtung, Forschung und Weltver-
kehr, Staatenumbildung und Weltpolitik einge-
leitet. Damit ist eine große Verwandlung auf
der Schaubühne des ererbten Kulturbetriebes
vor sich gegangen. Der ewig rückwärts ge-
wandte Vergangenheitsmensch, ganz in wohl-
8 MICHAEL GEOT{G C0W7{JID
präparierte Historie und idealistisches Denken
und Großvater-Begrifflichkeiten versunken, hat
sich in den positiven Gegenwartsmenschen um-
gewandelt mit dem energischen Blick auf die
Zukunft. Man spricht mit Bewunderung vom
Amerikanismus.
Befreit von so vielem Alterskram und senti-
mentalem Schnickschnack, kann sich der mo-
derne Mensch die Tugend erlauben, einmal die
Welt kühl von oben zu nehmen und bei Be-
trachtung von Gut und Bös, Schön und Häß-
lich, Freude und Qual auf alle Gefühlseffekte
zu verzichten, das Konkrete zum Ausgang sei-
ner Schätzung zu nehmen, nicht die Idee. Mit
diesem Zusammenschließen von Geist und Ma-
terie zur großen, auf ewige Gesetzmäßigkeit
gestellte Welteinheit tritt der Monist als der
geläuterte Materialist in sein Recht und nimmt
zaglos den Wettkampf mit den überlieferten Welt-
deutungen auf. Mag ersieh als voreiliger Welt-
rätsellöser Spott holen, als Zerstörer erschlaffen-
der 1 llusionen macht er sich um die höhere Kultur
verdient. Der Glaube an den Menschen er-
starkt mächtig und schafft einem neuen Idealis-
mus gesunden Boden.
Auch die Erscheinung der großen Pessimisten
in der Weltliteratur erfährt eine Erklärung, die
die Freude am Leben begründet und steigert.
Worin wurzelt der wahre Pessimismus? In der
Nichtbefriedigung der Seele, die es müde ist,
7 LiW,t 4U. sfk.q. 6*iAct<-L
J>,
a?ui 4 %
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V^iM /
KVc
ttrifft das nachstehend wiedergegebene Porträt nach der Radierung Peter Halms.
EMILE ZOLA
DAS ERSTE IN DEUTSCHLAND VERÖFFENTLICHTE
BILDNIS VON PETER HALM.
EMJLE ZOLA
in der Gemeinschaft mit den Stumpfsinnigen
und Rohen am hohlen Schein zu haften und
im Staube des Alltags nichts Höheres zu finden.
So ist der Pessimist imgrunde der echte Idealist,
und einmal die Nichtigkeit des Gewöhnlichen
durchschaut, wird er in seinem gesunden Blute
alle Instinkte aufjauchzen fühlen, die ihn zur Er-
füllung seines Lebens und Strebens mit einem
ewigen Inhalte antreiben.
Warum das Leben verwünschen und vernei-
nen, das der seelischen Entfaltung so unerhörte
Möglichkeiten eröffnet? Die niedrige Welt mit
ihren Menschen, an die er geglaubt hat, ist ihm
zur Qual und Täuschung geworden. Nun tut
sich die Welt der höheren Kultur vor ihm auf
und lockt und labt ihn mit dem Zauber ihrer
unvergänglichen Schönheit. So ist ihm im Um-
gang mit der Niedrigkeit des Alltagsmenschen
die Ahnung von der Größe des Höhenmenschen
aufgegangen und von der Herrlichkeit seiner
irdischen Aufgabe.
Nicht mehr mit höhnischem Mißtrauen, son-
dern mit Erkennerblick und Forscherlust ruht
das Auge auf der Natur, auf den Menschen und
ihrem Getriebe. Das Gefühl der stätigen Ge-
setzmäßigkeit in allem gibt unserem Wissen einen
treuen Rückhalt und rückt alle Wissenschaften
und Methoden auf die gleiche Linie geduldiger
Forschungsarbeit. Die Summe von Wahrheit,
so gering sie auch heute noch sein mag, am
BHATWES: DIE UTET{JlTllJi. BJIJVD XXVIII B
IO MICHAEL GE0J{6 C0W{JID
ferneren ZieJ gemessen, gibt dem durch die Na-
turwissenschaften neu verjüngten Menschengeist
einen Schwung und eine Zuversicht, die über
alle Schranken hinweg helfen.
Diese Rückkehr zur Natur in den Wissen-
schaften und Künsten, in Politik und Volks-
wirtschaft begründet den wahren Naturalismus,
der wie die Natur selbst, im Niedrigsten und
Verachtetsten und Unscheinbarsten die Wunder
seiner Schöpfung offenbart. Aus diesem Na-
turalismus wird die höhere Kultur die reichsten
Vorteile ziehen; mächtige Energien, heute noch
gefesselt, wird er entbinden helfen. Aller ge-
sunde Idealismus hat den wahren Naturalismus
zur Voraussetzung. Wer Kunst will, einfach,
stark, seelenfüllend, der muß sorgen, daß der
Naturalismus nicht in die Brüche und Sümpfe
gerate oder ganz verkomme und verschwinde.
Alle Kunstrichtungen, die Dauerwerke eigener
Schönheit geschaffen, über den Wechsel der Zei-
ten und Moden hinweg, lebten und webten im
Naturalismus, gingen von ihm aus, lenkten zu
ihm zurück. Der ganze Schatz positiver Kultur-
arbeiten von den grauesten Zeiten bis heute wird
durch ihn zusammengehalten. Er allein brachte
uns über die Gefahr des Mittelalters hinweg.
Aber es gibt Naturalismus und Naturalismus,
je nach der Hirn- und Herzenskraft, darin er
sich verkörpert. Forscher und Künstler in Nie-
dergangszeiten, mit dem fatalen hippokratischen
EMILE ZOLA II
Zug im Gesicht, werden mit einem geringen,
schwächlichen Naturalismus aufwarten oder gar
nur mit schlechten Surrogaten. Alles hängt im
Geistigen ab von der Qualität des Menschen.
Kraft, Gesundheit, Ellbogenfreiheit — dann
macht sich alles übrige von selbst. Der große
Mensch, der selbstherrliche Mensch, der gött-
liche Mensch — ohne ihn ist alles eitel Pfuscherei.
Was er macht und wie er's macht, ist groß, gut,
schön, und alles Theoretisieren und Kritisieren
drumherum ist Narrheit. Sein Werk ist Offen-
barung wie die Schöpfung.
Der imperative Kritiker, gibt es eine düm-
mere Hanswurstiade, als er sie mit seinem „die
Kunst soll, der Künstler muß, vom Kunstwerk
ist zu fordern " und so weiter? Gar nichts
soll und muß der Künstler: er stellt sein Werk
aus sich heraus ans Licht, wie es in ihm leben-
dig geworden, nun kann werden was da will,
es ist da und lebt sein eigenes Leben, und was
an ihm sterblich ist, das stirbt. Fertig. Was
hat denn der Herr Geheimrat Prof. Dr. Müller
oder Piefke oder der Monsieur Aunezcass6 für
ein Recht, mehr und anderes zu verlangen? Im
Namen einer Doktrin, im Namen einer Moral?
Was kümmert denn den schöpferischen Men-
schen, der sich zu offenbaren hat, irgend eine
Doktrin, irgend eine Moral, die nicht heimlich
in seinem Werke selbst lebt, als ursprüngliche,
eingeborene Mitgabe?
12 MICHAEL GEOTjG COMJjAD
Da steht der Professor der Botanik im Wald
vor der Eiche: du willst ein richtiger Eichbaum
sein? Ich will dir sagen, wie sich dein Wachs-
tum zu verhalten hat, wie viel Äste, Blätter,
Wurzeln, welche Gestalt der Stamm und alles
übrige! Oder der Professor tritt in den Gar-
ten vor den Rosenstrauch: Ich bin Botaniker
und will dich lehren, wie jede einzelne Rose
nach Farbe, Größe, Geruch beschaffen sein muß,
um vollendet zu sein und den ewigen Regeln
zu entsprechen und sich auch nicht gegen das
geringste der ewigen Rosengesetze zu versün-
digen! Und ähnliches nimmt sich der Minera-
log heraus, er kritisiert die edlen und unedlen
Steine, und der Zoolog und der Astronom —
alle, alle, die klugen Männer der Wissenschaft,
helfen der Natur, daß sie alles richtig heraus-
bringt und nicht gegen die Satzungen der Schule
verstößt!
Und dann im Chorus: Denn wir sind die Ge-
lehrten und herrschen im Reiche der Wissen-
schaft, jeder ist in seinerSparte unfehlbar, und die
gesamte Schöpfung hat sich darnach zu richten!
Ist wirklich ein gesunder Mensch so dumm?
Aber die gelehrten Herrscher im Reiche des
Kunstschaffens, die Ästhetiker und Historiker
und Kritiker, haben sie nicht ähnliche Stücklein
geleistet? Leisten sie noch?
Da stand in Paris ein Mann auf, der hieß
Hypolite Taine. Da stand in Kopenhagen ein
EMJLE ZOLA IJ
Mann auf, der hieß Georg Brandes. Und vor
ihnen war in Deutschland schon ein ganz an-
derer aufgestanden, der hieß Wolfgang Goethe
. . . . das Geheimnis des Schaffens und einer
großen gemeinsamen Lebensform für alle künst-
lerische Kultur, wer ergründet's?
14 MICHAEL GEOJ{G C0N7{J[D
M UMKREISE DJESERGE-
danken bewegten sich die ersten
Gespräche, die ich in den Jah-
ren meines Pariser Aufenthaltes,
Frühjahr 1878 bis Hochsommer
1882, mit Emile Zola führen
durfte. Oft rief er dazwischen:
Sfein, das ist Rhetorik, das ist Metaphysik, das ist
^omantizismus! Wir müssen bei der einfachen
Tatsache, bei dem einfachen Wort dafür blei-
ben! Das Publikum freilich dürstet nach Lü-
gen— und die Dichter lügen! Wir aber wollen
der Wahrheit dienen! Ach, wie ich die alte
Lügnerei hasse!
Es schien ihm oft gar nicht darauf anzukom-
men, daß sein kritisches Werk als der gewaltig-
ste Vorstoß des wissenschaftlichen Materialis-
mus in der Belletristik erfaßt und als schön-
geistige Abrundung der Lehren und Ideen der
Führer der großen Entwicklungskampagne, der
Darwin, Vogt, Moleschott, Stuart Mill, Spen-
cer, Taine gegen die alte Welt- und Lebens-
auffassung gewürdigt und in die neue Kultur-
bewegung des neunzehnten Jahrhunderts ein-
gegliedert werde. Der Naturalismus war zu-
nächst seine Herzenssache, seine persönliche
Angelegenheit. Nicht nur ein Ausschnitt, ein
Eckchen Natur, sondern der ganze Zeitgehalt
an neuen Ideen sollte durch sein Temperament
EMILE ZOLA
hindurch und in unwiderlegbaren Formen sieg-
haftes Dasein gewinnen.
Zola, der Natur auf möglichst kurzem und ein-
wandfreiem Wege in Kunst verwandelt, Kunst
als Wahrheit und Herrscherin; Zola, der durch
sein Werk mitherrscht, der in seinem Experi-
mentairoman eigenster Erfindung mit der Kul-
tur seiner Zeit experimentiert und ihr das Be-
kenntnis ihrer Verlogenheit und Nichtsnutzig-
keit abzwingt: der dumme und schlechte meta-
physische Mensch von gestern und heute ist
tot. Die modernen Wissenschaften im Bunde
mit dem künstlerischen Naturalismus haben ihm
den Garaus gemacht. Für die echte Beschaffen-
heit der menschlichen Natur hat die neue wis-
senschaftliche Beobachtung die ausreichenden
Dokumente geliefert. Herrlich! Alle Träume
und Ideale wiegt die eine Größe auf: die er-
forschte Wahrheit. Rien que la verite! Nichts
als die Wahrheit! Dreimal herrlich .
Und dann eilte Zola an den Schrank und griff
den ersten Band seiner kritischen Schriften her-
aus: Da lesen Sie! Das ist die Ouvertüre — und
in meiner ganzen Musik, die ich noch machen
werde, soll man den Grundbaß dieser Ouver-
türe zittern hören. Nichts Einfacheres, hören
Sie!
„Der Haß ist heilig! Er ist die gerechte Ent-
rüstung der großen und starken Herzen, die
kampffrohe Verachtung derjenigen, die da außer
l6 M1CHJIEL GEOJjG COMjJID
sich geraten über die Mittelmäßigkeit und die
Dummheit! Hassen heißt lieben, heißt sich
feurig, sich hochherzig fühlen, heißt aufgehn,
aufatmen in dem einen großen und schönen Ab-
scheu vor allem Niedrigen und Erbärmlichen!
Der Haß kühlt und erquickt, der Haß spricht
gerecht, der Haß macht groß! Nach jeder mei-
ner Empörungen über die Seichtheiten meines
Zeitalters fühlte ich mich jugendfreudiger und
mutiger. Ich lud mir den Haß und den Stolz
als meine beiden Lieblingsgenossen; es gefiel
mir, mich zu vereinsamen und in meiner Ver-
einsamung zu hassen alles, was die Billigkeit
verletzte und die Wahrheit. Und wenn ich wirk-
lich heut etwas gelte, so gelte ich es, weil ich
für mich allein dastehe und weil ich hasse!"
Hören Sie noch das!
„Ich hasse die Menschen, die sich in einen
kleinen persönlichen Gedanken einpferchen, die
herdenweise daherlaufen, sich aneinander drtik-
ken und den Kopf zur Erde senken, um nicht
den großen Lichtschein des Himmels zu sehen.
Jede Herde hat ihren Gott, ihren Fetisch, ihren
Altar, worauf sie die große menschliche Wahr-
heit abschlachtet. Hunderte solcher Herden
gibt's in Paris, zwanzig bis dreißig in jeder Ecke,
und jede hat ihre Kanzel und von jeder schreien
sie das Volk an . . . Ein schönes Schauspiel,
das uns dieses kluge und gerechte Paris bietet!
Hoch oben oder tief unten, jedenfalls in einer
EMILE ZOLA
weit entlegenen Sphäre, wohnt eine einzige und
absolute Wahrheit, die das Weltall regiert und
uns der Zukunft entgegentreibt. Hier aber gibt
es hundert Wahrheiten, die sich aneinander
stoßen und zerbrechen, hundert Schulen, die
sich beschimpfen, hundert Herden, die blöken
und nicht vorwärts wollen ... Ich frage, wo
sind die freien Menschen, diejenigen, die ganz
offen leben, die ihren Gedanken nicht in den
engen Kreis eines Dogmas einklemmen und die
stolz erhobenen Hauptes dem Licht entgegen-
marschieren, ohne zu fürchten, daß sie sich mor-
gen widersprechen, da sie nur um das Gerechte
und Wahre sich sorgen?"
Und noch das!
„Wir stehen auf der Schwelle eines Jahrhun-
derts der Wissenschaft und der Wirklichkeit,
und es erfaßt uns zuweilen ein Schwanken, wir
sind wie berauscht von dem großen Lichtglanz,
der sich vor uns erhebt ... Ich hasse die Phi-
lister, die nur bevormunden wollen, die Pedan-
ten und Gimpel, die das Leben abweisen. Ich
bin für die freien Offenbarungen des mensch-
lichen Genies. Ich glaube an eine ununter-
brochene Folge menschlicher Kundgebungen,
an eine endlose Galerie von Lebensbildern, und
ich bedauere, nicht immer leben zu können, um
dem ewigen Schauspiel in tausend verschiede-
nen Akten beizuwohnen. Ich bin ein Neu-
gieriger. Die Dummköpfe, die nicht vorwärts zu
l8 M1CHJTEL GEOTjG COT^TjAB
blicken wagen, strecken die Hälse nach rück-
wärts. Sie machen das Gegenwärtige nach den
Regeln des Vergangenen, und sie verlangen, daß
die Zukunft, die Werke und die Menschen sich
nach den vergangenen Zeiten modeln. Nein, die
Tage brechen an, wie es ihnen beliebt, und je-
der von ihnen wird eine neue Idee, eine neue
Kunst, eine neue Literatur heraufführen. So-
viele Gesellschaften, soviele verschiedene Werke,
und die Gesellschaften werden sich ewig um-
bilden. Aber die Kraftlosen wollen den Rah-
men nicht erweitern, sie haben ein Verzeichnis
der vorhandenen Werke angefertigt und so eine
bedingte Wahrheit gewonnen, daraus sie eine
unbedingte Wahrheit machen. Schafft nicht mehr,
ahmt nach! Und das ist's, warum ich diese blöd-
sinnig ernsten und blödsinnig heiteren Leute
hasse, diese Kunstmacher und Kritiker, die uns
dummerweise die Wahrheit von gestern als die
Wahrheit von heute aufdrängen wollen. Sie be-
greifen nicht, daß wir marschieren, und daß die
Landschaft sich verändert. Ich hasse sie."
— Ja, ich kenne das, sagte ich, ihm dankbar
zunickend.
Er hatte sich in eine entzückende Erregung
hineingelesen. Zola ist ein Glühender, der leicht
in hellen Flammen aufgeht, wenn ein guter Wind
in seine Glut fährt. Seine sonst etwas schwere
Zunge bekommt eine merkwürdige Geläufigkeit,
und seine Stimme gibt seinen Perioden droh-
EM7LE ZOLA K)
nendcn Schwung. Der ganze Mann ist dann
von einer fortreißenden Gewalt, von einer stür-
mischen Herzlichkeit heiliger Überzeugung. Aus
seinem dunklen Auge — er ist sehr kurzsich-
tig — leuchten diamantene Blitze, und seine sonst
bitter aufeinander gepreßten Lippen beben. Man
kann ihm Achtung und Verehrung nicht ver-
sagen, ja, man muß ihn lieben, von ganzem Her-
zen lieben. Er ist ein Großer, der in jeder Faser
von seiner Mission erfüllt ist und der den letz-
ten Blutstropfen dransetzt, sein Werk durch-
zuführen. Er ist das verkörperte Gewissen sei-
ner Nation.
Nach einer Weile hatte er sich gefaßt, und
lachend, im leichten Ton seiner gewöhnlichen
Herzlichkeit sagte er: Wahrhaftig, Sie kannten
das? Sie kannten Mes haines?
— Ich besitze Ihre sämtlichen bis jetzt er-
schienenen Werke, die erzählenden, die kriti-
schen und die neun Bände der Rougon-Mac-
quart-Reihe. Was Sie mir vorgelesen haben,
ist zwölf, dreizehn Jahre her, eines Ihrer ersten
Manifeste, aus der unheimlichen Zeit zwischen
1866 und 1870, zwischen dem preußisch-öster-
reichischen und dem französisch-deutschen Krieg.
Zwischen Sadowa und Sedan fallen Ihre ersten
Kriegserklärungen an die ganze literarische Welt.
Jedem Worte riecht man den Pulverdampf an.
Wissen Sie, welches Ihrer Werke ich zuerst
gelesen habe? Den Bauch von Paris. Wort
20 MICHAEL GEOJ{G COM{J[D
für Wort, auf meiner Meerfahrt von Neapel
nach Marseille. Vorher hatte ich in italienischen
Zeitungen schlecht übersetzte Bruchstücke Ihres
Assommoir gelesen. Da vermochte ich kein
deutliches Bild von Ihrer Kunst zu gewinnen.
Den Bauch von Paris Jas ich natürlich im fran-
zösischen Urtext. Fast ohne Schwierigkeit und
mit welchem tiefsten Ergriffensein, mein lieber
Meister Zola! Und damals schwur ich, daß ich
von diesem Menschen, der dieses herrliche Buch
gemacht, jede Zeile lesen werde, die er schreibt.
Das Strömende, das Volle, das Große, ohne
Ängstlichkeit und Zierlichkeit: — Das nahm mich
für Ihre Prosa ein und für Ihre Menschen und
deren Tun und Gehaben, diese fabelhafte Echt-
heit, diese rücksichtslose Drauflosgängerei im
großen und kleinen, so daß der ärgste Schuft,
die ekelhafteste Kanaille einen entzückenden
Lebensreiz gewinnen. Ja, das ist große, reine
Kunst, die dem künstlerischen Menschen un-
endliche Befriedigung gewährt. Zuweilen, wo
Sie Ihre Schilderungen hinmalen wie ein rie-
siges Fresko, daß die ganze Wand in Farben
bebt, da hatte ich den gleichen Eindruck, wie
wenn ich das Orchester von Richard Wagner
hörte. Und auch das Leitmotiv haben Sie wie
Wagner. Sind Sie musikalisch, Herr Zola?
— Musik — musikalisch? Nein. Einst in der
Provence, als Junge, ein wenig.
— Tut nichts. Ich bin's, habe also noch einen
EMILE ZOLA 2I_
Genuß mehr. Und dann, wo plötzlich das Un-
persönliche, das Tote, das Stille, ein Haus, eine
Landschaft, ein Werkzeug, eine Maschine unter
Ihrer Hand zu einem Organismus wird, sich
mit Seele erfüllt und wie ein Dämon hinüber-
greift ins Leben der Menschen, das ist oft von
einer furchtbaren, von einer fanatischen Schön-
heit. Oder soll ich phantastisch sagen? Und
wie Sie die Massen bändigen und ins Spiel
bringen, ich kenne keinen Romandichter, der
über diese erstaunliche Regiekunst gebietet. Ich
muß da wieder an Richard Wagner denken. Aber
geben Sie acht, nun werden Sie mich als wüsten
Dilettanten verachten: Ihre Werke lese ich ganz
kaltblütig durcheinander und kümmere mich den
Teufel um Stammbaum und Vererbung: den
Bauch, den Assommoir, die Beute, die Erobe-
rung von Plassans — was kümmert mich die
chronologische Folge! Jedes Buch, ist es nicht
eine Welt für sich? Und wo Sie "coin" sagen,
dieses Eckchen, dieses Zipfelchen oder Schnitt-
chen Natur, da empfinde und sage ich wieder
Welt und nochmal Welt — und wo Sie von
Temperament sprechen, da übersetze ich mit
Seele. Und so steigere ich Ihr Forte ins For-
tissimo und fühle mich göttlich wohl bei Ihrer
Kunst, Meister Zola!
Und nun stieß er beide Arme hoch in die
Luft, daß sie fast die Decke berührten: So sind
diese Deutschen! Sie tun, was sie mögen —
22 MICHAEL GEOTjG COJMTjA'D
und man muß noch seine Freude dran haben
und sich bei ihnen bedanken. Das ist ja himmel-
schreiend, was Sie mir da erzählen, Herr Conrad.
Wo haben Sie denn das alles her, wo haben
Sie zunächst diese tapfere Gewandtheit her, so
ganz nach Ihrer Lust mit einer fremden Sprache
umzuspringen? Wie lange treiben Sie denn das
Französische?
Nun neckte ich ihn: O, Herr Zola, das ist gar
nichts. Seit den Napoleonszeiten versteht mein
ganzes Dorf, wo i ch geboren, es i st zwi sehen Frank-
furt und Nürnberg, diese ritterliche Sprache;
wissen Sie, von den vielen französischen Ein-
quartierungen haben es Bauern und Bäuerinnen
gelernt. Und das hat sich so fortgepflanzt. Und
bei dem Gegenbesuch, den meine Landsleute
1870 in Frankreich gemacht, wurde es wieder
aufgefrischt. Wir sind doch Erbfeinde! Da
müssen wir uns doch endlich kennen und lieben
lernen?
— Sie lieben grausame Scherze, bemerkte er
gütig. Ernsthaft, es kamen schon Deutsche und
andere Ausländer zu mir, die jämmerlich fran-
zösisch sprachen.
— Mein Akzent ist auch jämmerlich, nur die
Worte und Formen parieren mir. Ich lebte
zwei Jahre studierenswegen in der französischen
Schweiz, in Genf, unmittelbar vor dem Krieg.
Daheim hatte ich schon einen guten Grund ge-
1 egt. 1 ch 1 i ebte ei ne französi sehe Sprachmei steri n
EMILE ZOLA
in Würzburg, eine geborene Pariserin, jung und
geistvoll. Von Genf wollte ich nach Paris, meine
Studien in französischer Sprache, Literatur und
Kunst fortzusetzen. Der Krieg kam dazwischen.
Im Herbst 1871 übersiedelte ich nach Italien,
wo sich mir ein ungeheures Feld eröffnete, das
ich nach Kräften bearbeitete. Erst die Pariser
Weltausstellung 1878 vermochte mich vom ita-
lienischen Boden loszureißen und hierher zu
führen. Während der Abwesenheit won Max
Nordau vertrete ich die Pariser Chronik in der
Frankfurter Zeitung, schreibe für die Tägliche
Rundschau in Berlin und andere Blätter, halte
Vorträge im Institut polyglotte — wer weiß,
was ich noch alles unternehme! Das Leben ist
so lockend reich an Wissenswürdigem, so reich
an Aufgaben.
— Und meinen Schriften gewähren Sie den
Vorzug, sich so eingehend damit zu beschäf-
tigen?
— Habe ich doch selbst den größten Gewinn
davon, lieber Meister. In Genf habe ich vor-
nehmlich die klassischen und romantischen Au-
toren Frankreichs studiert. In Italien lernte
ich Renan persönlich kennen, den ich schon
als Jüngling eifrig gelesen habe. Dann kam
Taine dazu, soweit er sich mit der Kunst und
mit Italien beschäftigt. Seine englischen und
französischen Geschichtswerke habe ich erst
hier in Paris gelesen. Ein wichtiger Führer
24 MJCTiJlEL GEOJ{G C07V7^D
ist mir Georg Brandes geworden mit seiner
ausgezeichneten Darstellung der literarischen
Hauptströmungen. Stendhal, Balzac, Flaubert
und Daudet sind mir in ihren Hauptwerken
nicht fremd. Einen der merkwürdigsten euro-
päischen Schriftsteller habe ich 1 876 in Sorrento
persönlich kennen gelernt, Friedrich Nietzsche.
Ich besitze seine sämtlichen Schriften, vom Tag
des Erscheinens an, er ist als Denker und Stilist
von einem zauberhaften Reiz. Kennen Sie ihn?
Zola verneinte. Er lese nicht deutsch. Tur-
genjew sei sein Dolmetscher fremder Litera-
turen.
Und dann die neuen Skandinavier: Björnson
und Ibsen vor allen, von dem soeben ein furcht-
bares Drama: die Gespenster erschienen —
die ganze skandinavische Künstlerkolonie in Paris
ist voll davon. Ein förmlicher Aufruhr.
Zola schüttelte abermals den Kopf. Ibsen
war noch nicht übersetzt und Turgenjew hatte
noch nicht von ihm gesprochen. Aber von
Sacher-Masoch habe er gehört und eine her-
vorragende naturalistisch anklingende Novelle
gelesen. Ein slavischer Autor, der deutsch
schreibt, nicht wahr?
Ich korrigierte den kleinen Irrtum und nannte
noch Gustav Freytag und Gottfried Keller.
— Ach, wir Franzosen sind in allen diesen
Dingen von einer unglaublichen Rückständig-
keit, stöhnte er. Aber zum Teufel, wir haben
EMILE ZOLA
ALS VIERZIGER (BEI ERSCHEINEN DES
,ASSOMMOlR")
EMILE ZOLA 2$
zuviel im eigenen Haus zu tun, alle Hände voll.
Haben Sie selbst noch kein Buch veröffentlicht?
— Doch, doch. Noch nichts Belletristisches.
Eine Menge kleinerer Schriften über allerlei
Kultur- und Kunstangelegenheiten und zwei
dicke Bücher über Spanisches und Römisches
und über die letzen Päpste.
— Gottlob, Sie sind also auch ein Kämpfer.
Und haben Sie Erfolg gehabt?
— Gewiß: Meine zwei dicken Bücher sind
in Preußen konfisziert worden, gleich wenige
Tage nach ihrem Erscheinen. Als ich von
Neapel nach Paris übersiedelte, fand ich hier
als ersten Gruß meiner deutschen Heimat eine
gerichtliche Vorladung. Das Gericht in Breslau,
wo meine Bücher erschienen, war so liebens-
würdig, mich zur persönlichen Teilnahme an
meiner Prozessierung und Verurteilung einzu-
laden. Ich lehnte dankend ab, ich hätte gerade
in Paris Wichtigeres zu tun und könne nicht
nach Breslau kommen. Da wurde mein Bres-
lauer Verleger beim Kragen genommen und zu
einer hohen Geldstrafe und zum Einstampfen
der Bücher verdonnert. Weil ich als deutscher
Mann den italienischen Papst gekränkt!
— Das war für Sie eine gute Reklame.
— Nein, lieber Meister. Eine Empfehlung
vom Papst oder von Bismarck oder vom Kaiser
hätte mir mehr genützt als eine Verurteilung
wegen Beleidigung der römischen Kirchenherr -
BTiJlJVDES: DIE UTET{ATUT{. BJUVD XXVI II C
26 MICHAEL GEOJjG COWjJID
lichkeiten. Die heutigen Deutschen haben wieder
den frommen Augenaufschlag nach oben. Wir
leben gegenwärtig mit unserer Kultur unter dem
Zentrum und unter dem Sozialisten-Ausnahme-
gesetz und allerlei kleinen netten Belagerungs-
zuständen. Der Kulturkampf ist polizeilich ver-
boten und diplomatisch abgeschafft. Wenn wir
jetzt mit dem Naturalismus ein wenig Krawall
machen und mit mutigen jungen Leuten, die
noch den ganzen Autoritäts- und Schulekel im
Magen haben, eine journalistische Revolution
in Literatur und Kunst anfangen, so ist das
alles, was wir uns im Augenblick erlauben dürfen.
Die naturalistische Sturmfahne aus dem be-
siegten Frankreich fürchten unsere Diplomaten,
Büreaukraten und Polizisten noch nicht, wir
dürfen sie ruhig in Frankfurt oder München,
selbst in Berlin entrollen — sie wird nicht allzu
heftig flattern, der deutsche Wind ist gegen-
wärtig von geringer Stärke. Alle in Literatur
und Kunst beliebten Größen sind bei uns von
staatlich anerkannter Zahmheit und Ungefähr-
lichkeit, lauter brave Hausgötter und Philister-
genies. Eine Ausnahme bilden die kleinen
Kreise um Wagner und um Böcklin und den
neuerdings so skeptisch gewordenen Philosophen
Nietzsche. Aber diese drei sind ja auch glück-
lich eingekapselt von der allgemeinen Gleich-
gültigkeit des wohlgesinnten Bürgertums. Die
preußische Intelligenz, die Führerin im Deut-
EMILE ZOLA 2J
sehen Reich, ist künstlerisch stets äußerst an-
spruchslos gewesen. Sie sättigt sich mit dem
traditionellen Schönheitsgut auf möglichst bil-
lige Weise und widmet ihren Eifer der Ent-
wicklung der materiellen Vorteile der tonan-
gebenden staatserhaltenden Klassen, des Junker-
tums, der Agrarier, der Großindustriellen, der
Bank- und Handelswelt. Für diesen positiven
preußischen Geist hat die künstlerische Kultur
vorerst nur dekorative Bedeutung. Wer der
preußischen Tradition und ihren Ambitionen
schmeichelt, der ist jetzt, zehn Jahre nach dem
großen Kriege, der geschätzteste Repräsentant
der schönen Künste. Alles was zur Sicherung
der herrschenden Klassen, zur Festigung der
politischen und wirtschaftlichen Stellung des
Reiches beiträgt und ihm einen weithin schil-
lernden, aber billigen Glanz verleiht, der gleich
wieder als Marktwert ausgenutzt werden kann,
das ist begehrt und geehrt. Es ist heute nicht
die Frage, welche Art Kunst dient am reinsten
der höheren Kultur, sondern: welche Art Kunst
stört uns am wenigsten bei der Befriedigung
unseres Besitz- und Machthungers und gibt
uns ein gebildetes Ansehen? Man hält sich
also an die Kunst des direkten Nutzens und an
die Kunst, die von den wissenschaftlichen Au-
toritäten gelobt und empfohlen wird. Das ist
sehr wichtig: man muß sich als Künstler des
besonderen Wohlwollens der staatlichen Künst-
en
28 MICHAEL GEOJjG C0JVJ{JIT>
gelehrten erfreuen. Als Dichter muß man den
Geschmack der guten wohlhabenden Familie
treffen, die in der Leihbibliothek ihre schön-
geistigen Bedürfnisse befriedigt, und man darf
nicht auffällig gegen die von den Kirchen ge-
hütete Moral und nicht gegen die korrekte
patriotische Gesinnung des Reserveoffiziers und
des Kriegervereins verstoßen. Dieses Schema
muß peinlich eingehalten werden, was dann noch
übrig ist, mag die Kunst als ihr Reich der Frei-
heit betrachten. Es ist in diesem Punkte heute
in Deutschland wie ehemals in Frankreich unter
dem zweiten Kaiserreich. Die staatlich be-
schützte Kunst ist blühende Inferiorität und
lächelnde Impotenz, die unabhängige große
Kunst ringt mit der Gleichgültigkeit der Mas-
sen. Und gemeinschaftlich werden von oben
und unten die Geburts- und Sterbetage der
Klassiker gefeiert, die den Vorzug haben, tot
zu sein. Das ist pietätvoll, kostet wenig und
läßt uns an den ewigen Kultus des Schönen im
geliebten Vaterlande glauben. Im Lebenslaufe
Wagners und Böcklins haben wir die wahre Ge-
schichte der deutschen Kunst unter der gütigen
Leitung unserer allmächtigen Staatsmenschen.
Lieber Meister Zola, die deutschen Künstler,
die wirklich diesen Namen verdienen, dürfen
sich in der weiten Welt herumschlagen und
ihrer Haut wehren, in der Heimat vermißt
man sie nicht, ob sie leben oder sterben. Erst
EMJLE ZOLJt
31
wenn sie ganz alt oder maustot sind, kommt
ihre Zeit.
Und nun fiel er mir in die Rede mit seiner
wunderschönen Offenheit und Herzensfrische.
— Das ist doch gar nichts, hören Sie! Frank-
reich hat doch einen Ruf in der Welt zu ver-
lieren, und was bereitet es mir für ein Elend!
Ist meine Position nicht einfach furchtbar? Seit
ich die Feder in die Hand genommen, bin ich
angegriffen von allen Seiten, in der gehässig-
sten Weise verleumdet, bespieen, wie ein Aus-
würfling. Nein, reden wir nicht davon, es ist
zu ekelhaft. Wir leben in einer politischen
Periode, das ist das Übel. Die Politik ver-
finstert und beschmutzt alles. Aber wir werden
es ihr heimzahlen. Mit meinem Assommoir
bin ich endlich in die Strömung des Marktes
gekommen, meine Bücher werden gekauft. Wer
jetzt noch glaubt, sie übersehen zu können,
wird staunen, wenn der Haufen größer und
größer wird. Innerlich bin ich immer voller
Angst, ich weiß nicht, ob das Werk gut wird,
das ich unter der Feder habe. Ich weiß nur,
daß es an Kühnheit und Rücksichtslosigkeit das
vorausgegangene übertrifft. Die brave Welt
kann sich gratulieren, ich werde ihr mit Nana
ein Licht anzünden. Meine Freunde, denen
ich Einiges daraus mitgeteilt, sagen, daß ich mich
nach dieser Publikation nicht mehr auf den
Boulevards werde sehen lassen dürfen, wenn
7,0 mCHJl'EL 6E07{G C0JV7{jm
mir mein guter Rock lieb ist. Dann sprechen
sie mir Trost zu, nie hätte ich künstlerisch einen
besseren Wurf getan, und das Thema sorge schon,
daß sich das Buch verkauft wie frische Sem-
meln. Man wird mich endlich hören müssen,
man wird mit mir rechnen müssen. Die Wahr-
heit hat eine unwiderstehliche Gewalt, einmal
in Bewegung gesetzt. Das ist wie eine Granate
aus dem Rohr geschossen. Die Wirkung muß
furchtbar sein. Und doch habe ich immer wieder
diese Angst: es mißlingt, der Schuß versagt. Ah!
EMILE ZOLA
Em
URZ VOR DER VERÖF-
fentlichung seiner Nana konnte
ich ZoJa eine angenehme Über-
raschung bereiten. Die Kritik
der ästhetischen Hofräte in
Deutschland hielt sich dem Ver-
fasser des Meisterromans As-
sommoir gegenüber auf der beschämend niedri-
gen Linie der Anpöbelung und Beschimpfung.
Nirgends konnte man sich zu einer sachlichen
Behandlung der neuen literarischen Erscheinung
entschließen. „Herr Zola und seine Freunde"
wurden in den Blättern, die sich als Hüter
der Sittlichkeit und Schönheit aufspielten, kurz-
weg als eine „Schule von Schmutzfinken", ab-
getan. Kaum höflicher gab sich die Kritik der
übrigen Europäer.
Nur das einzige Italien stellte schon im Jahre
1879 für Zolas Assommoir ein Beispiel und
Vorbild vornehmer Kritik auf. Der edle Fran-
cesco de Sanctis, mit dem herrlichen Luigi
Settembrini, Vertreter der Literaturgeschichte
an der Universität zu Neapel und später kurze
Zeit Kultusminister (der hervorragendste Lehrer,
dessen ich mich jemals erfreuen durfte) hielt
am 15. Juni 1879 im Circolo filologico zu Ne-
apel einen öffentlichen Vortrag über ZoJa und
den Assommoir. Ich war in der Lage, Emile
Zola einen vollständigen, parlamentarisch genau
]2 MICHAEL GEOJ{G COM{JID
mit allen Heiterkeits- und Beifallsäußerungen
des Zuhörerkreises ausgerüsteten Abdruck
dieses seltenen Vortrages zu verschaffen und
mich mit ihm darüber zu unterhalten. Mit
meinen deutschen Kollegen in Paris, Max Nor-
dau, Mels, Ludwig Kaiisch und anderen, hatte
ich damals einen schweren Stand in der Zola-
Frage. Während meine befreundeten jungen
deutsch - schweizerischen Malerinnen Louise
Breslau und Sophie Schaeppi (aus dem Kreise
der genialen Russin Baschkirtseff) der stür-
mischen Bewegung in Literatur und Malerei,
dem Naturalismus, Pleinair und Impressionismus
zujubelten, schüttelten die Vertreter der deut-
schen und schweizerischen Publizistik die Köpfe.
Es war mir eine ausgezeichnete Genugtuung,
in dem neapolitanischen Professor, dessen Ge-
schmack von niemand bestritten wurde, plötz-
lich einen Bundesgenossen zu erhalten. Solange
ich im Institut polyglotte rein historisch die
deutschen Tagesgrößen vorführte, Auerbach,
Hamerling, Wilbrandt, Heyse, Lindau — da
galt ich meinen Kollegen als ein braver Mann
auf der Höhe moderner Zivilisation, und selbst
in den Wintervorträgen des deutschen Turn-
vereins zu Paris durfte ich unangefochten über
Leopardi, Schopenhauer und Richard Wagner
sprechen und die Meistersinger am Klavier er-
läutern. Sobald ich mich aber gegen die Lite-
ratur-Orthodoxie auflehnte und behauptete, daß
EMILE ZOL \
EINE DER LETZTES AUFNAHMEN.
EMJLE ZOLA jj
das Erhebende an der Schönheits- wie an jeder
anderen Religion dies sei, daß sie in jeder ur-
sprünglichen schöpferischen Begabung einen
neuen Ketzer erzeuge, hatte ich alle Synagogen
und Konsistorien wider mich. Deutschland
schwamm wie eine schwarze Insel im roten
Ketzerozean des schöngeistigen Europa. Rings-
um war der Teufel los, in Skandinavien, in
Rußland waren dem akademisch-romantischen
Epigonentum grimmige Gegner in jungen
Dichtern und Künstlern von großer psycho-
logischer Verwegenheit, sozialethische Proble-
matiker modernster Richtung erstanden — nur
Deutschland sollte kuschen, trotzdem es in
Wagner, Nietzsche und Böcklin die pracht-
vollsten Oberteufel der gesamten Kunstrevo-
lution hatte. Und ich, von Wagner und
Nietzsche und Böcklin gesegnet, sollte nicht
für Frankreichs wildesten Ketzerteufel, für den
Großmeister des Naturalismus, mich entflammen
dürfen? Weil die neue Ketzerei noch keine
staatlich konzessionierte Kunstprofessoren zu
Fürsprechern hatte? Weil Max Nordau die
ganze Bewegung mißverstand?
Und siehe, jetzt hatte sie einen Fürsprecher
aus dem Lande der Schönheit selbst, wo die
Wiege der Renaissance gestanden, wo der
Humanismus die mittelalterliche Scholastik
überwunden und der Welt das Heil freien
Denkens und Schaffens gebracht. Und sie be-
34 MJCTfJlEL GEOJ{G COM{JID
wegt sich doch! Dies Galilei -Wort, klang es
nicht auch wie heller Morgenruf durch den
Assommoir -Vortrag des Universitätsprofessors
Francesco de Sanctis in Neapel?
"Dieser Gruß aus dem Süden gab Zola Ver-
anlassung, mit mir von seinen Vorfahren zu
sprechen und von seinem Namen zu plaudern.
Nach seiner Meinung bedeutete das Wort Zola,
von den Parisern mit dem Ton auf dem zweiten
Vokal Solaa gesprochen, daß es wie ein Trom-
petenstoßklingt, im Italienischen die Erdscholle.
Emile Zola, der zu seiner fanatisch naturalisti-
schen Wahrheitsliebe einen starken Zusatz
von Naturmystizismus besitzt, der ihn zu den
gewaltigen symbolischen Visionen in seinen
Romanen befähigt, empfindet in seinem Namen
einen tief geheimnisvollen Zusammenhang mit
der Erde. Bauern, Soldaten, Ingenieurewaren
seine Vorfahren, die ihn mit verschiedenen
Zweigen der südeuropäischen Rasse verbinden.
Großvater und Urgroßvater mit einem Schuß
griechischen Bluts von einem Weib aus Korfu,
gehörten der venezianischen Familie an, deren
Stammbaum auf die stark mit besten germani-
schen Elementen durchsetzte Lombardei hin-
wies. Großvater und Urgroßvater dienten
unter den letzten Dogen als Offiziere der Re-
publik Venedig. War des Vaters Mutter eine
Griechin gewesen, so stammte Emile Zolas
Mutter aus den Herzen Frankreichs, aus der
EMILE ZOLA
ü
großen Bauernprovinz der Beauce. Der Vater,
zuerst Offizier unter Napoleon 1., nach dessen
Sturz Zivilingenieur, lief aus dem Lombardo-
Venezianischen davon, weil er sich der öster-
reichischen Herrschaft nicht fügen mochte, kam
nach Holland, England und Deutschland, wo
er am ersten Eisenbahnbau auf dem Kontinent
mitwirkte. Im Jahre 1830 erscheint der unstäte
Feuergeist als Kapitän der Fremdenlegion auf
der Rückkehr aus Algier in Marseille, macht
sich dort ansässig, will der neuen Heimatstadt
den schlechten alten Hafen durch einen neuen
ersetzen, arbeitet in rastloser Hingabe in drei
Jahren die Risse und Pläne aus — den Zu-
schlag bekam ein Konkurrent. Dann weiter hin-
ein in die Provence, nach Aix, wo er die wasser-
arme Stadt durch die Erbauung eines Kanals
mit reichlichem und frischem Wasser versorgen
wollte. Während er die Agitation und die
technischen Vorarbeiten für dieses Unternehmen
betrieb, machte er eine Reise nach Paris, um
sich womöglich auch an den dortigen Forti-
fikationsarbeiten zu beteiligen. Auf dieser
Reise nach Paris fand der nun schon dreiund-
vierzigj ährige Ingenieur seine Eheliebste, die
ihm ein Jahr später am 2. April 1840 Emile
Zola schenkte. Drei Jahre blieb die kleine
Familie in Paris. Dann wieder nach Aix, um
das Kanalwerk zu fördern. Als der erste Spaten-
stich getan wurde, zählte der kleine Emile
3 6 MICHAEL GEÖJjG CONJjJrD
sieben Jahre, und der Vater zeigte ihm voll
stolzer Freude den Beginn des mit so heißen
Mühen vorbereiteten Werkes. Drei Monate
später starb Francois Zola auf einer Inspektions-
reise, in einem elenden Hotelzimmer zu Mar-
seille, fern von Weib und Kind. In Aix wurde
er begraben, eine Straße nach seinem Namen
benannt. Die Ausführung seines großen Kanal-
unternehmens kam in fremde Hände. Die Witwe
wurde zur Wahrung der Interessen ihres ver-
storbenen Gatten in allerlei Prozesse verwickelt.
Die politischen Verhältnisse spitzten sich wieder
auf eine neue Umwälzung zu, der Staatsstreich
des dritten Napoleon lag in der Luft. Die
wüsten Treibereien der Parteien wirkten ver-
wirrend auf Verwaltung und Rechtspflege. In
dem Maße der Entfernung von der Hauptstadt
Paris wuchs die Rechtsunsicherheit in den
Provinzen. Kein Wunder, daß die Prozesse
nach und nach das Vermögen der Familie Zola
verschlangen und kein erwünschtes Ergebnis
hatten. Der Großvater und die Großmutter
Aubert, die noch über einige Mittel verfügten,
zogen nach Aix und führten mit Emile Zolas
Mutter den kleinen Haushalt. War's auch nur
ein notdürftig Auskommen, das der von Miß-
geschick so bitter verfolgten Familie in diesem
stillen Winkel beschieden war, so war's doch
von der gütigen Sonne der Provence vergoldet.
Der kleine Sprößling wurde von Mutter und
EMJLE ZOLA y]
Großmutter in liebreiche Obhut genommen,
und wie seine schwärmerische Naturliebe auf
seine romantisch versonnte Jugend in der Pro-
vence zurückwies, so erinnerten unverwischbare
Züge im Charakter des Mannes an den mäch-
tigen Einfluß der Frauenhände, die seine Er-
ziehung bis in die Jünglingsjahre geleitet. Erst
als Siebzehnjähriger kam Emile mit seiner
Mutter und dem Großvater wieder nach Paris.
Sie waren völlig verarmt, wohnten unter dem
Proletariat des lateinischen Viertels, umbraust
von dem ungewohnten Leben des gewaltigen
Paris, und nur mit Hilfe einiger alter Freunde
seines Vaters war es Zola möglich, seine unter-
brochenen Studien wieder aufzunehmen und,
als die Not schlimmer und schlimmer wurde,
der Mutter eine Unterkunft in einem Frauen-
stift zu sichern. Er selbst lag auf dem Pflaster.
Sein Abgangsexamen war ihm mißglückt, das
weitere Studium auf höheren Schulen durch
seine Mittellosigkeit unmöglich gemacht. Er
hungerte sich mit Brot- und Käsekrumen, etwas
Zwiebel und Oliven nach provencalischer Zi-
geunerart durch und wärmte sich in den Lese-
sälen der Nationalbibliothek. Hier stürzte er
sich auch auf seine Lieblingsfächer aus der
modernen Naturkunde und wandelte sich zum
radikalen Positivisten. Das Leben war ihm
ein rauher Lehrmeister geworden. Nach einigen
gering gelohnten Arbeitsversuchen kam er end-
?8
MICHAEL GEOT{G COJ^J{AD
lieh in den Buchladen, von dem ihn die uner-
schütterliche Energie seines Wesens in den
kämpfenden Journalismus einführte und zur
Führerschaft in der neuen Kunst aufsteigen
ließ. Ein mittlerer Zwanziger! Als nach diesen
unheimlichen Jahren endlich die heißersehnten
materiellen Erfolge der schriftstellerischen Arbeit
kamen, war es Zolas erste Sorge, die geliebte
Mutter wieder zu sich zu nehmen und ihr voll
dankbarer Zärtlichkeit den Lebensabend so an-
genehm als möglich zu gestalten. Sie ist am
17. Oktober 1880 in Zolas Landhaus gestorben.
Die tapfere Frau hat ihren Gatten mehr als
dreißig Jahre überlebt und ist Zeugin der großen
Schicksalswende im Leben ihres Sohnes ge-
worden.
Im Rückblick auf seine schöne Jugendheimat
hatte Zola stets dankbare Worte für seine un-
zertrennlichen Schulfreunde Cezanne und Baille,
die er einst wieder in Paris sehen sollte, den
einen als den zu später Berühmtheit gelangten
impressionistischen Maler, den anderen alstüchti=
gen Professor an der politechnischenSchule. Diese
drei Unzertrennlichen hatten sich in der Pro-
vence ein wundervoll romantisches Leben voll
harmlos bunter Abenteuer bereitet mit entzük-
kenden Schul schwänzereien und Streifzügen
durch die nahe und ferne Landschaft. Wunder-
knaben waren sie in der Schule alle drei nicht,
aber wenn die Not an den Mann ging, aus-
EMJLE ZOLJl £2
dauernde und methodische Arbeiter. Für den
Kundigen ist es nicht erstaunlich, daß der be-
ginnende Schriftsteller Zola ein Manifest des
Hasses auf alle geistige und moralische Rück-
ständigkeit erließ und seine heiße Leidenschaft
für alles positive Forschen und Wissen bekannte
und den Sinn für das Wirkliche als die vorzüg-
lichste Eigenschaft des modernen Menschen
feierte. Schon als Schuljunge zeigte er die
tiefste Begierde nach naturwissenschaftlicher Er-
kenntnis, aber wie armselig wurde sie in den
dumpfen, verkleri kassierten Schuleinrichtungen
befriedigt, wie wurde die kostbare Zeit mit
scholastischem und kirchlichem Kram vertrö-
delt, wie dogmatisch verpfafft war die ganze
Unterrichts weise! Und Griechisch und Latein
mit ihren hirnlosen Exerzitien!
Gibt es ein besseres Zeugnis für den gesunden
Willensmenschen Zola, als daß ihn dieses Schul-
Milieu nicht zerbrechen, nicht verderben konnte?
Daß der Stumpfsinn, der das geistige und ge-
sellige Leben der Provinzstadt beherrschte, keine
Macht über ihn gewann? Nein, lieber mit
seinen zwei gleichgesinnten Kameraden ein Leben
wie Wilde abseits führen, als in diesem Sumpf
verkommen!
Auch dem Weiblichen gegenüber zeigte sich
hier schon Zolas Überlegenheit, wenn sie auch
nicht in moralisierender Pharisäerhaftigkeit, son-
dern in einem kräftigen Mißtrauen gegen weib-
40 MICHAEL GEOT{G C07V7^?D
liehe Verführungskünste sich äußerte, wozu als
natürliches Schutzmittel eine gewisse linkische
Art des Benehmens kam. Er liebte märchenhafte
Liebesabenteuer, als echter Jüngling-Schwarm-
geist, in seinen poetischen Träumen. Sein ge-
sunder Instinkt führte ihn auch im Liebesleben
den Weg des tüchtigen Mannes.
— Es ist merkwürdig, verehrter Meister,
sagte ich, nun sind Sie ein geborener Pariser,
stehen in Paris seit bald zwanzig Jahren im
literarischen Kampf und schichten das Werk
Ihres Lebens Band für Band zu einer monu-
mentalen Höhe, dennoch denkt man bei der
Nennung Ihres Namens an den glühenden Süden
als an Ihren eigentlichen Hintergrund und nicht
an die Stadt Paris.
— Ja, das ist seltsam. Vielleicht auch nicht.
Mit meiner natürlichen und gesellschaftlichen
Geschichte einer Familie unter dem zweiten
Kaiserreich will ich ein Lebens- und Entwick-
lungs-Panorama meines ganzen Landes in einem
bestimmten Zeitabschnitt geben. Ich will mein
Volk durchpflügen, daß alle seine fruchtbaren
und steinigen Seiten ans Licht müssen. In diesen
zwanzig Roman-Bänden muß ganz Frankreich
leben, in Natur und Unnatur, in Kultur und
Unkultur — aber leben, leben, leben! Als
Schriftsteller habe ich also Frankreich zum
Hintergrund, nicht wahr? Aber die Rougon-
Macquart, wo beginnen sie, wo ist ihre Wurzel?
dans la di'-faite du droil eiile la simple
probile\ Ce*t tm crinii d1*»«! »Kaai
de trouhler la France cenx qu? Ja veu-
lent gcnereus-, ä la WW des nations
libres. et justeä, lossqu'on onrdit.soi-
mfime rimpudent coraplot dimposer
l'erreur, devant le monde CDtwr. C'est
un crime d'egarer l'opinion, d'uliiUcr
pour une besognc de rrrort cuite opi-
nion qn'on a pervertie, jusqu'a la faire
deiner. Ccst un crime d'empoisonrter
les pclits et les humbles, d'exasperer
les passions de reaction et d'intole-
ra'nce, en s'abrilant derriere Todieux
anüs&nitisine, dont la grande France
libönie des droits de l'homme Tnour-
ra, si eile n'en est pas guerier. C'est
un crime qne d'exploiter le patriotisrae
pour des ceavres de haine, et c'es* un
crime enfin que de. faire du sabre le
dien moderne, lorsque toute la science
humaine est au travail pour Toeuvre
prochaiue de verite et de justice.
Gette veYite\ cette justice, qne nous
avons si -""passionnement voulues,
ejuelle de'tresse ä les voir ainsi souf-
3etees, plus mBconnues et plus obs-
eurcies ! Je me doule de lYcteulement
qui dort avoir lieu dans räm£ de M.
Schenrer-Kesther, et je crais bien qu'il
finira par eprouvet nn remords, celui
de n^avoir pasagi revolutionnairement,
le jour de' rinterpellaüon au S3nat,
en lächant tout le paquet, pour tont
jeter ä bas. II a Ate le grand honnete
homme, l'homme de sa vie loyale, il
a cru que la vente se suffisait ä elle-
meme, surtout lorsqu'elle lui appa-
raissait e'clatante comme le plein jour,
. A quoi bon tout bouleverser, puisque
lientöt le soleil allait luire? Et c'est
de cette serenite' confiante dout il est
si cruellement puni. De meme pour le
Jieutenant-calonel Picquart, qui, par
tu sentiment de haute digniU:, n'a
f as voula publier les lettres du geng-
ral Gonse. Ces scrupoles l'henorent
d'autant plus, qne, pendant qu'il res-
tail respectueux de la diseipline, ses
«upeneurs le faisaieht couvrir de
boue, instruisalent eux-memes son
proces, de la facon la plus inaltendae
et la plus outrageante. II y a deux
victimes, deux braves gens, deux
•coeurs simples, qui ont .Iaisse faire
tiieu, tandis qne le diaile agissait.-
Et l'on a reeme vn, pour le Heutenant-
colonel Picquart, cette chose ignoble :
un tribunal. francais, apres avoir
laissc le rapporteur charger publiq"uc-
rnent un temoin, l'accuser de toules
les fautes, a fait le huis clos, lorsque
«a tcm.jin a &t& introduit pour s'ex-
pliquer et se d^fendre. Je dis que cela
«st un crime de plus et que ce crime
Roulcvera la conscience universelle.
Decidement.les tribnnaux militaires se
J'accnse le lieutenant-colonel da
Paty de Cäam d'aroiT «te l'ouvrie* dia-
bolique de t'en-eur judiciair?, ea in-
conscient: je veux'3« croire, et d'avoir
«nsuitedefendetsan ceuvre nefaste, de-
puis trois ans, par les maebinations
les plus saugrenues rt. les plus cou-
pables.
J'accnse le scneral Mercicx de s'etre
rendu comrplice. tont au moras par
faiblesse d'esprit, d'utie des plus
grandes iniquilis du siecle.
J'accuse le <;ene>al Bil'.ot d'avoir en
entre les rnains les preuves certaines
de l'innocencc de Dreyfus et de les
avoir etouffees, de s'elre rendu coupi-
ble de ce crime de lese-humanite et de
lese-justice, dans un but poütique et
pour sauver l'etat-major corapromis.
J'accuse le general de BoisdefTre etle
general Gonse de s'6tre Tendus com-
plices du meme crime, Tun sans doute
par passion clericale, l'autre peut-ttve
par cet esprit de corps qui fait des bu-
reaux de la guerre l'arche sainte, inal-
taquable.
J'accnse le general de Pellieux et le
commandant Ravary d'avoir fait une
enquete scfiUrate , j'entends par lä
une enquete de la plus monstrneuse
partialiUS, don\ nous avons, dans le
rapport du second, nn imperissablc
monument de naive audace.
J'accuse les trois experts en £cri-
tores, les sieurs Belhomme, Varinard
et Couard, d'avoir fait des Tapports
raensongers et frauduleux, ä moins'
qu'un cxMinen mßdical nc les declare
atleints d'uneinaladie de la vue et da
jugement
J'accuse, les bureaux de la guerre
d'avoir raene dans la presse, partien-
lieremeut da»« FBclair et dans i'Echo
de Paris, une camrwgue abomi nable,
pour ^garej 1'opiuion et couvrir ^leor
faute.
J'accnse. ftifin le preffliej conscil
de guerre d'avoir viole lo -droit, cn
condamnant un aecuse sur une piece
restee secrite, et j'accuse le second
conseil de guerre d'avoir coavert cette
illOgalite, par ordre, en xxmiineitant ä
son Tour le crime juridique-d'acquitter
6cismment üb coupable.
En portant ces aecusations, je n'i-
gnore pas que je me mets sous le
coup des arbcles SO et 31 d' la loi
sur la presse du Sä juillet 1881, qui
punit les delrts de diUamation. Et
p'est volontairement que je m'expose.
Quant aux gens que j'accuse, je ne
les connaispas, jene les aijamais vus,
je n'aicontre eux ni ranenne ni haine.
Dsnesont poar moi quedesentite6,des
esprits de malfaisance sociale. Et l'acte
qne J'accomplis ici n'est qu'un moyen
',z\re. nniir hÄler l'pTnlnsinn
Jose Molos el Antonio Nagois. Tous les
^r«^ tortup^eorosuer«iiit ete Aschii
mime avec t* »onveinx-raiÜDemeoS:
lfiur enfoDc* d«s fers rcagea dans les c!
'Luis Mag devint f:u. auiuiHeii de ses
mants.
Sebaslif» Sime et Francisco Callis pc
des cicalrices incffacables. -i
Parmi les gendaraies execalear« rt"!s e
de Portns ^ui se distinguerffnt surtou
Imr Icrccitc, ü taut citer : Jose M.ivan^
Tuiel Oarrcras, Leandro Lopez, Parü^s.
caporal Thoraas Bota.
Le gsndarme Eslorqui, sons les yeo
Portas, toKlaitles organesgenrtsoi de;
ümes.
Ca!«, miUre les precau'.ions des
reao-s, a -e?« constate ofncieüement. L>
t'znn <tu bataillon de Figuei-as fut c
de faire «ne enqufitc. Son rapport etai
criante realile de ces horreurs, di^nc
«ijes de barbarie.
Les martvrs, les inac-ents. ne dema.
pas gräce. IIa reclament justiee. Poüt
il laut reviser le proces de Montjuirh.
M. Sagasta av&itjure d'ordonau la
slon.
Ou? oa non, M. Sagasta at-3 raie j
d'honneui »
JB. Guinaade»'
LDIVER ET LA GRIPPE
- Ön nous demande de tous eilrs un. ro
et un preservattf rontre Ips maladic«
nous ameuc Tlüvcr. contre la gnpi-c c
flasnza. 1>cpm3 viogt-cinq anuecs, or
ploio partout les Gouiles Livonier.n*:
Tf MKtti -PcTret pour giieri;
la toux, la bron'-hite, la grippe, PinQnel
kurs complications ; nul mcdicameD
autonses ont reoonnu que tous caux q
avaieal laitiisage ont ele preaerves ou f
rfipidtfmejat;-ce medi^mcat cousütuc ie
teio ni U plus efficace, le plus rapide
meiUeax tnarche: il se tznivo, au pr
3 francs !c f'aeon de 60 pelites cansulca,
toutos les ionnes pliarmacic3 ; il n- e.
taille pas et ne peut Stre vendu qu'ei
cons rachetes, avec 1c nom Gouttcs J,i<y:
nc* de Trouctle-Pcrret et le timU
lX'oioa des fabricants.
(Echos et $oüvsll(
La demüre <1 Hanotaux. La scene Fe
a bord "U paquebot francAis BquatewA
rier du 'Levant..[ui vier.t.i':i:ru. r :i Mar
L»: navirc faisait reliciie ä Port-Satd, c
r.n nouveau passagcr se pi-esenia. II rtn
Ali .Mty Hey. alt.:che au ministere de 1
neur ottoiuan; il ctaitrccherdtc parjar
lurque et venait dciuainlei !a pi*lectK
Pavillon fraocai5. V. c^püina d aiUoure
lemcntson cas aa ccraiiiisjoiredu bord.
que Icmns auparavant, on avait dec«
son afiiluUiou au paiü de la Jeun» Tu;
et depuis lors les argeusias du sulla
d^Tjnaieat la chasse. S'il etait pm, r'eL
Don lamnaüoa saus jugeincnl, le pior.
dans le Bosphore, c etait la mort.
On pernnt au malbcureux d'embar
CHxu? Centimes.
ERNEST VAUGHAK
L'AURORE
Litteraire. Artistique, Sociale
ERNEST VAUGH4I»
J'Aeciise»»«!
LETTRE AU PRESIDENT DE LA REPUBLIQUE
Par .ÜMILE ZOLA
LETTRE
•^'"«ÄhÄtÄ
K.drS™,,t"^|:S'x
SÄrpSÄSÄ'»":
i:ü!.riru7Ä:«™Ä
X«'Ä7,if',S,,'M"°°'"
1 M. FELIX FAHRE
iä-Sl^Äi
.;^".TdÄ»
SHSä
i.i"p^Ä"rj5LdL'Sto.u°ti'
Ü'-'n '",',. l^V"!'!,m"n.!iT'li Sy i.'
Presidenl de la Republlque
'■''.'».S.1^ "i-
.
j,"sj," trsi.^2 ,'• -: I ■'• kü » j k ' ' Sw^ÄSwrsSSÄfc
."..".XÄSi
JwSpTldlitotafÄSSMa'S
"y}i. .,.;.;"!.;'.. ■..'■''."! '".'','.';
^~"^^j; °»3^ £"S"'JÄ!siS"'£ SI?S£°JsrÄr;
HHSsSrrri
SStÄÄ
ZI i •!-'■"'. -K .'■"'■ /rsss!
S "<;■•'■"•'.'-■! .'\SVi'.,".'" ' i!:-"'.r,'."I;Y.-. ',".'.•!", '.'..;" ,'V '1;",™' h!."r.ri-^."T""..'.Si
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!i"ii'*"rtiJd'!'Slil«|,',.r"«
vfct ul »!.in.l Won.pl- d. ml™ ™',° J "££"£,"„ "i, °.' i "','., j ■ ~Z'l"!'^,Z,Z. 'S?."",'| 1. ' '- ! III! '.'„ '".?"4i Si '■ ,'«'"'n "' ».! !!'
"•.In Im-I i!Mr,-j. • ■! ...-.- I. '. /.' '~,?, i',vJ,'i7-'t« ' n.'\'n-T. iVl- ,'^"l. '',l''', *-,m. 'P-q.rl ^-.l' .1 ,^'wi i ..1, 'Vi
P^ÜH^I
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■=S5S?i-bsS==is
!.'J-'! '"Vnl-rV.i i-'-'V ' :""-j i '. "; -.'/.'-' ' "•.. ■ '.J.*,j:°'a0",T,:. "'■'•'."" ""'['" ■'' '.' ■.".'■;".' '.'",",-:;'; :'
^•r^S S^H^Fr ii
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»s;/r Sir™rs,rt>"i'''i'. "e"
SSÄ'VJ."»"* tiiS*i.
Mit • -•".. 1. pn.ri.i-. m.r.U.t du ""Jü;,™,'",1"," ,"■)£"„"£, J"^ [ S^'™'"1 ^"^ ', !.. ]u '. ,',..'„ | JÜüS BV.XnSi'itwr«0«l£
ö»i.dVm"i'. L.' ■ .i .t t.m r.i.
ipj.'oSÄ(. .
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VtrUtintrU Wiedergabe der Nummer der Zeitung „L'Aunre" du den\ßrlej Zola's Jaccuse" enthüll JÄ3».
L
Ln£nJ
T^TZii:H-:''l::.:::r:r,';..
;:;■:,:/;.
TOUS DE MECHE!
<gchos et gouveUts
EMILE ZOLft
lumuMiHrrjni
Die Emuli dt r&el-Pocban
OPINION PUBLIQUE
PAR ETAPES
......
xVAliAoftR-
ncore
deux
ti, «
'fi
mcnt la rolx».
io eours des rnlerrogatola»,--- c'est aussi
vers cet assistaatmuct et costaiaÄ. redouta-
Uc cb «n myHerieux süence. ««edirigent
le plu« soavent tet regards.
C'est pour randrc aux jngM kur prestige
ocltpse qu'on parle de leur tatet eodosscr l»
robe. L'hermine de leur ipite-g« magistrale
et les galons d'argen» de leur toque rcjette-
ront au aeccnd plan qui lui eonvient le dt-
fenseur de l'accuse.
Cctle trcs impievue conseeraencedc lanou-
vclle loi nu: l'instruclio'n criminelle fera la
joie des cnsluinicrs judiciaircs.
Aü NOMDü PEUPLE
Le Petit Journal, dans sa joie de rs.cqaY>-
tement d'Esierbazy, ecrivait hier :
An nom duPruple franfv
f*e uommi; I
Cdnii; fois.
n dj Peuple francais.. es tele des aro'-ts
• eaerTe.aestpasuDavaraeformulc.
bei illenr Je la nation, 1c conseil da guerre juj-c
au nom dela nation.
Nonsconseillons viverritnt an Petit Jour-
nal de faire clichcr cos lignes remarquables;
elles ponrront lui servir chaque foi« qu'une
condamnalion scra prononeee. C'est en ctTct
au nom du peuple franfais que jugent tous
les tribunaux civüs, coratnerciaux, correc-
tionncls on criminels.
Iln'yapas un pochard, pas na vagabond
qi'.i ne soit condamne- au nom dn peuple
francais. C'est au nom de la nation qnc Wil-
son iut acquitte. c'est au nom du peuple
qu'on acquitta recemment les panamistes;
tontes les erreurs judieiaires furent commises
cu Born du peuple, et le Biet qu'on vient de
Dre aurait pu servir au Petit Journal quand
Norton fuf a justement et regulierement »
afluarellee, gravaies. <
place« dans une aene de sal'les. _
t^-f -:--£=. x iv-uaes — L^rr.'-n.iir.jl'.ii
üupnlc, M. Millerand. qm a prononce un fo-I 1 a
lactijnu da paru iocialiste. ™""onEl *T^r'-"A
.„VM VnriMii. Jauiir, Geraull Richard onl coi
nrme et precisc les dtciaralions da Jlpalu J
-ive Oeiui.-.t,
ClIOSES D A*T.
des Dimanches fEir.
essions parisieaues. fera parajlre pro-
UM plaqnMte iUuslrec tous cc lilrc :
ta DecolUuior. de ;a,nt Jcr,i-i:ipiut:e. C'-.sl ur.
■rircbaj.] ae en une roraw iaspic^e de l'iaia(>aric
A Big -
tfavance
bibliophilea et
LE NO UVEA Ü LlRECTEUn
Oarrc. qui a pns !n
voir ui traitc f-:rme avec m
onuaiqae, ni obligataons envers
Carre, naturcllcment,
rection du Vaudeville.
LE SUrsSE DES LAUFS
Lisbonne perrepteur! Oui donc l'avait dil
I n'y pon«e pas plus que le couvernemerU
'y songe pour lui.
Une nouvellc ideede bagnedoit le hanler ..
rll« a l'usage des trainoure d«
sabre. fetaids en rupture de easiruette et de
beuglant.
7. Kie Victor-Mace, le petit h6tel dn com-
positeur Hedel : voila son reve
Dcux fois deja il l'a visitc. et camme le con-
cierge le coenait de rcpuUtion et tient avant
tout i savoirce cru'Uveut orpaniscr :
— J'cn ferai, lui a-l-U repondu.nne mnison
de rendez-vouü pour ^-ieilles dames, en quete
de jeunes amoureux... Ester-rasta sera mon
Suissc.
Qui donc disait qull etait hongrois T
~ EN PORT DU
te de son peuole avec
Bi. Lii'ERXES
lies de la -petite Cliipo-
— Oui, repoad une ..*.,,
lentc fiMe. Elle a des prc-fcrcnces pour tout le
monde.
Un vieux Lovolace. marie, poursuivait avec
acharnement la jeune femme de chajnbre de
6a femmc.
— Mais enfin, lui disait-i], voyons, qnand
nous entendrons-nous ?. . .
— Nous reparlerons de cel» craand Madam«
sera veuve. ^^
Scara'mouohe.
TOUS -DE MECHE!
i.etait. pour Joi. on imperieux devoir, et il
ne l'a pas accotnpli. Pourquoi ♦
H resuite, dt »a lettre, qu il »est bornt i
soumettre les resultats de J'expertise aox
juges du conseil de guerre. Pourquoi cett»
expertise n a-t-elle pas ets disculee publique-
tnentet eontradicloirement* Pourquoi alm*
de Boulancy n a-t-elle pas Ui entendue par
le conseil de guerre?
Qu il plaise -nu geniral de Pcllieox d'ex-
noi-ter aujoiird'hoi son ■ eher comraanjant »
h la vengi.ance, c'est son affaire, et nous r»
«ais t atlaire ne pcnl en fester li. II y a un
!™Sa.lrc' «'•cc '"«^airedoit etre immedia-
tement recherche.
üence, nous saurous (
ce. Si eile garde 1«
que p;la signiüera.
Ph. Dubois.
Affaire de haute trahison
M. Vervoort areea hier Ester"na2v dar» «on
aquanum. Cela ne surprendra persoene
puisque tous deux nagent dans le3 memea
LeJour nous appfend que les deux arais
sement le charar^gne, puia
;a prononce quelques paroles.
s complclement muet. Pnis-
rquoi ne nous repond-
qnel? btlAm
' jus le croyic
l'il n'en est
l>as_* Pourq
dit-il
pns
1c Tatiisairo!
M. le general de Pellienx, qui Tut char<*6
: la premicre enquetc nur Ksterhazv
: lui adresser cette iettre stupefiantc":
. Lt R«n4rald> brigade de PtlUcut.commandalit
'ivari-r^nl dela Seine, adjoint au g.;rirral ,!,
place de Paris, araonsicer
'oS?l°
vouloir nous dori
Tour entretenir 1
la nation francaise.
Ville de Paris, un vase i
d'ailleurs sinon adrairer
derer a l'Hötel de Ville.
Yeu!-on savoir combien
place d
897 fr.
d'une note
uu moins c
i coüte la mii
n , avons etc pour pres de 000 fran^s.
57 exaetement. airm qu'W rcsulte
Uin munieipai offi;iel
:■'■{.
Bbolane«
e-prOsidcni du Sy:nat,
espertisc. ainsi qm
is.JelSjanvici
t que la lettre saisie
netcilc M. Sehe
nvoqUez i
croyant lie par le huis clos, voup
moignape.
volontiere, le huis clos
afTaire. qni ne touebe
actuellement.
qaalitc
; le donm
i'ayant rien ä voir.d
n rien an procis }ogi! cl clos acto
€ A la dato du 1" dicembre, j'ai,
c devait 5UDS1S
sujet. r
entre les mains eopie dn rapporl
pouvez en userfKiur poursoivre
r, je n'en doute pas, les joamaux
t, de ce chef. Pabonäinable carn-
cteJa victime.
» GeDeral de Peluecx »
La sfympathie du general de Pellieux pour
«son eher commandant • peut ctre conside-
ree comme uuj;age de l'im'parüalile avec la-
quelle la premit-re enquele a ete conduite
II convient, tout d'abord. de rappiocher de
c la guerre ou au raimstcre d«
a envoye sa demande de de-
rquoi s'obstine-t-il k ne paa
oms doa cinquants
deputes qui auraient appuye la
1KUR JUSTICE
Estraitdcfa Libre Parole d'hi'T,«>us li
sii/ualitrc d'E-lcnard Drumont.
II s'agit de Scheurer-Kestner :
Et voiI.\ le eynique
Senat : c'est le cal.-.mn
sera p otetre obligl
itcurqu'un afßeicr frartcai*
■n-seorltr demain lorsqn'il
;S1,apiajsavoirsali.udcl'Jpc9
lc Cooscil de guerre I
Parbleu I Nous savons bien qu'i! serait ac-
quitte devanl un conseil de guerre.
A dire vrai, nous n'avons jamais pensd
"J""" wnseil do guerrt pouvait laire uns
Une Emde de FM-Pochon
Avanl-hier,
bdulevard um
pectus suivanl
ferrr« postb riBTicDLiiB*
«.PASSAfiEI...
Moyesoaat nne miaime depense, chaeun penl
eviter les incöDTenicnts de la poste restante ofü-
On pentecrire sa-carrespondance, reeevrtir des
lettres a «es initiales et se les faire
adresse qu'on ja^era ä propos.
DISCRfcTIOH ABSOLTJE
EM7LE ZOLA 41
Im Süden, in der Provence, von hier aus durch-
zweigen sie ganz Frankreich. Und der letzte
Band wird den gleichen Schauplatz haben wie
der erste. Es ist nun doch nicht verwunder-
lich, wenn man meine Persönlichkeit zunächst
im heißen Sonnenlicht der Provence sieht. Ach
hier, in diesem Steinmeer von Paris, dieses
numerierte Haus in der Brüsseler-Straße, nein,
es wäre mir kein erwünschter Hintergrund.
— Nein, so interessant diese Umgebung ist,
ich ziehe doch Ihr Landhaus in Medan vor.
Wegen seines idyllischen Reizes in dieser stillen,
sanften Hügellandschaft mit dem schimmernden
Band der Seine und den bewaldeten Höhen am
Horizont. Sauste nicht die Westbahn an Ihrem
Garten vorüber, man könnte sich in dieser Ein-
samkeit tausend Meilen von Paris wähnen. Und
selbst in Medan, das für die Literaturgeschichte
durch „Les soirees de Medan" mit Ihrem
Namen verbunden bleiben wird, selbst hier sehe
ich Sie nicht in Ihrerriesigen, originellen Schreib-
halle, nicht in und auf Ihrem Turm, sondern
in Ihrem Garten zwischen den selbstgepflanzten
Bäumen oder auf der lieblichen Insel im Fluß.
Wie ich auch Goethe nicht in seinem präch-
tigen Stadthause sehe, sondern in seinem be-
scheidenen Gartenhäuschen an der lim im Parke
von Weimar. Wie ich auch Heinrich Heine
in seiner reinen Unsterblichkeit nicht in Paris
sehe oder Hamburg, noch in München oder
B^JVDES: DIE UTET{JlTUTi. BJWD XXVIII D
4 2 MICHAEL GE07{G C<m7{J!D
in den Bädern von Lucca, sondern am Rhein,
am deutschen Rhein. Jede Seele hat ihre be-
stimmte Heimat, wo sie geliebt und genährt
wird. Wir ahnen sie. Selbst in Medan mit
seinem blassen Himmel muß ich an die glühende
Sonne der Provence denken, an den heißen rot-
braunen Boden, an die Olivengärten und Pla-
tanen-Alleen, als den natürlichen Rahmen für
den Vater der Rougon-Macquart-Sippe und an
sein heiliges Ursprungsland.
— Aber nein! rief er aus und rannte durch
die Stube, Wir tragen unsere Arbeit, die Ein-
samkeit fordert, von Ort zu Ort, und wo uns
das Werk gelingt, wo es aufgenommen und nutz-
bar gemacht wird, da haben wir festen Boden
unter den Füßen, da ist unsere Welt. Daß das
die lärmenden Boulevards von Paris nicht sein
können, nicht die schwatzenden Salons, nicht
die kreisenden Schauplätze des bummelnden
Großstadtmenschen, das versteht sich. Diese
ganze Welt interessiert uns nur als Phänomen,
höchstens noch als Mittel, die Kultur höher zu
bringen. Aber darüber habe ich schon nach-
gedacht, welches Milieu ich mir einst für meinen
Feierabend wünsche. Heute schon, wo noch
so viel Arbeit vor mir liegt. —
Ich blickte ihn fragend an.
— Das erraten Sie nicht. Die Provence,
denken Sie? Noch weiter südwärts. Eine
wunderschöne Insel im blauen Meer. Und dort
EMJLE ZOLA ^
stille sitzen und sich von der guten Sonne an-
scheinen lassen und das Schauspiel der Natur
genießen, bis die Augen zufallen. Nichts mehr
sagen, nichts mehr schreiben, ganz still werden,
nur anschauen.
— Meister, rief ich, Sie sind nicht nur Pro-
vencale! Ihre Vorfahren sind weit herumge-
kommen in der Welt, selbst wenn es keine Auf-
zeichnung, keine Tradition kündet: Sie haben
auch einen richtigen Tropfen germanischen
Blutes in Ihren Adern!
— Hallo!
— Jawohl. Ihre unerschrockene Wahrheits-
liebe, Ihre Gewissenhaftigkeit, Ihr Bekenner-
mut erinnern an das Reformationsvolk. Und
nun ertappe ich diesen furchtbaren Positivisten
in einer Feierabend-Sehnsucht mitten im schön-
sten Kampf, in einer Träumer-Seligkeit — sehr
geehrter H err, so pflegen nur Dichter zu träumen,
die einen guten Tropfen Germanenblut im Leibe
haben.
— Hallo!
41
MICHAEL GEOT{G COWT{JID
YkJ
1
LS PROFESSOR FRANCES-
co de Sanctis seinen Vortrag
über den Assommoir hielt, war
das Buch schon bei seiner fünf-
zigsten Auflage angekommen und
mehr schlecht als recht in einige
Kultursprachen übersetzt. Es
war auch dramatisiert und in Paris und Neapel
auf die Bühne gebracht worden. Eine Luxus-
ausgabe war in Vorbereitung, und Andre Gill,
der witzige und gemütvolle Zeichner, arbeitete
mit reinem Eifer an dem reichen Bilderschmuck.
Im Theater ließ der Erfolg nichts zu wünschen
übrig, es war eine Sensation ersten Ranges, der
Schaupöbel beklatschte namentlich die Prügel-
szene zwischen den beiden Wäscherinnen und
die Deliriumtremens-Katastrophe. Auch die
nicht des Snobismus verdächtigen Zuschauer
kargten nicht mit Beifall bei einigen feineren
Vorgängen des im ganzen herzlich roh aus dem
Romane herausgerissenen Stückes.
Zolas Italienisch war ungenügend, er ließ sich
von mir gern einen Überblick über den Inhalt
des Assommoir- Vortrages geben.
Francesco de Sanctis knüpfte an die 1 heater-
aufführung in Neapel an. Im Theaterstück fehlt
die erste Szene des Romans, der Vortragende
erzählt sie kurz, weil er sie für die Grundlage
der späteren Vorgänge hält. Schauplatz: Die
BMJLE ZOLA 45
trostlos möblierte Stube in einem "Wirtshaus
dritten oder vierten Rangs im Arbeiterviertel.
Im Hintergrund der Stube eine Art Ehebett,
daneben eine eiserne Bettstelle mit zwei schlafen-
den Kindern. Am Fenster, das auf die enge
Straße geht, eine junge Frau, wie sie aus dem
Bette gestiegen, angstvoll links und rechts späht,
ihr Schluchzen mit dem Taschentuch erstickt,
um die Kinder nicht zu wecken. Er kommt
nicht. Seit Stunden erwartet sie ihn. Es ist
jetzt fünf Uhr in der Frühe und noch ist er
nicht heimgekehrt. Es schlägt sechs, der Tag
wird hell. Die Portiersfrau ruft \on der Straße
herauf: „Guten Morgen, Gervaise, und Lantier
schläft noch?"
„Ja," sagt sie und wird rot; sie ist nicht ans
Lügen gewöhnt. Und wenngleich die Portiers-
frau kein Recht hat, sich um ihre Sachen zu
kümmern, und die Lüge in guter Absicht ge-
sagt ist, so wird Gervaise doch rot bei ihrem
„Ja, er schläft noch." Es wird sieben, es
wird acht. Rechts sieht man ein Spital im
Bau, links ein Schlachthaus, weiter zurück den
Hügel des Montmartre mit den herabsteigenden
Arbeitern, die unterwegs einen Blick in die
Schnapsbude des Assommoir werfen, manche
treten dort ein und vergessen Pflicht und Arbeit.
Und die Augen der Gervaise gehen von den
Kindern, die noch schlafen, zum Fenster und
von da zum Spital und zum Schlachthaus und
4 6 MICHAEL GEOTjG COWJjJID
zum Assommoir und zu ihm, der nicht kommt.
Aber plötzlich drückt jemand die Tür auf. Er
ist's. Gervaise wirft sich ihm tränenüberströmt
an den Hals: „Bist Du's, bist Du's?" Und er
„Ja, ich bin's, was weiter? Geht's schon wieder
mit den alten Kindereien los?" Lantier, der
Hutmacher, beliebte den Herrn zu spielen, die
Arbeit schmeckte ihm nicht mehr. Er ließ sich
aushalten von Freunden und Freundinnen, hatte
er ein Weib ausgeplündert, lief er einem andern
nach. Gervaise war noch keine vierundzwanzig,
niedlich, hübsch, blond, zart, ein junges Weib-
chen, dem jeder gern die Hand drücken möchte.
Sie hat gute Instinkte. Sie liebt die Kinder,
die Kameraden, die Sauberkeit, die Arbeit, sie
wird rot, wenn sie eine Lüge sagen muß unter
Umständen, wo jeder von uns frischweg lügen
würde. Betrachtet sie jetzt draußen in der öf-
fentlichen Waschanstalt, wohin sie geht, um die
schmutzigen Kleider ihrer Kleinen zu waschen,
und wo sie mit der großen abgefeimten Dirne
Virginie zusammenstößt. Erst kommt's zum
Kampf mit Blicken, dann mit Worten, dann mit
Kübeln voll Wasser, dann mit Klopfhölzern.
Gervaise ist die Provinzlerin, einfältig, uner-
fahren, ihre Kraft ist der Stolz des beleidigten
Weibes. Virginie ist die geriebene Pariserin,
mit der Überlegenheit ihrer schlauen Nieder-
tracht. Diese arme Gervaise, verlassen mit ihren
Kindern in der Rue Poissonniere der Pariser
EMJLE ZOLA 4J
Vorstadt, wo das häßliche Volk zusammenge-
drängt lebt wie bei uns in Neapel in der Ge-
gend vom Kapuaner oder Nolaner Tor — was
wird aus ihr werden? Sicher dasjenige, was
das Milieu, in dem sie zu leben gezwungen ist,
aus ihr machen wird. Betrachten wir Neapel
mit seinen berüchtigten unteren Quartieren, an
den bassi porti, so haben wir einen Begriff da-
von. Wer hätte noch nicht von diesen Höhlen
gehört, wo alt und jung, Mann und Weib,
Mensch und Vieh zusammengedrängt sind, ohne
Luft, ohne Licht, zwischen ewigem Schmutz
und ewiger Ansteckung? Keiner von uns hat
das Herz gehabt, hinzugehen und dieses Elend
zu studieren, der Ekel hat uns zurückgehalten.
Wohlan, Zola in Paris hat diesen Mut gehabt.
Er ist mitten in diese verpestete Welt hinein-
geschritten, er hat den Pesthauch gefühlt und
sich nicht die Nase zugehalten, er hat die trau-
rig-schamlosen Worte gehört und sich nicht die
Ohren verstopft.
(Hier lächelte Zola: Nun wird er Dantes
Hölle zitieren — und ich werde ihm nicht
zürnen, der Hinweis auf Neapel ist sehr ge-
schickt. Die Kritiker in London und ander-
wärts sollen sich ein Beispiel dran nehmen. Also
Dantes Höllenfahrt!)
— Nein, nichts von Dante. Francesco de
Sanctis findet, daß der Verfasser des Assommoir
hier den Mut und die Selbstentäußerung eines
48
MICHAEL GE07{G C0MT{JID
Gelehrten gezeigt habe, der um der Erkennt-
nis willen Kadaver seziert, und zugleich die Liebe
eines heiligen Francesco di Sales oder eines
Alfonso Casanova, die unter Bettlern gelebt in
dem Gedanken, daß auch das Menschenbrüder
sind. Die Begeisterung für Wissenschaft und
Kunst nicht allein, auch die Menschenliebe hat
den Verfasser des Assommoir getrieben, gerade
dieses Buch zu schreiben.
.{Francesco de Sanctis untersucht eingehend
die mächtigen Einflüsse von Beispiel und Ge-
wohnheit in diesen Lebenskreisen, die Entwick-
lung der sozialen Korruption, bis das Milieu
den letzten Rest des moralischen Sinnes ver-
nichtet. Was bleibt diesen Menschen, für die
Gott, Natur, Vaterland, Moral, Ehre überwun-
dene Dinge sind? Die Animalität, das Tier.
Hier herrscht kein Wille, sondern die Begierde,
keine Intelligenz, sondern der Instinkt, keine
Überlegung mit Wahlfreiheit, sondern augen-
blickliche Wallung, unmittelbarer Trieb. Wieder-
geburt aus eigener Kraft ist ausgeschlossen, man
zieht sich nicht am eigenen Schopf aus dem
Sumpf.
Professor de Sanctis geht auf die Abstam-
mung und das Vorleben der armen Gervaise ein
und verfolgt ihren Verfall von Stufe zu Stufe.
Sie lebt nicht, sie wird gelebt, aus Mangel an
innerer Energie. Sie vermag gegen das über-
mächtige Milieu nicht anzukämpfen. Sie ist
EMJLE ZOLA 49
wie ein Blatt, das vom Baum fällt und vom Strom
fortgerissen wird. Man liest ihr die Unent-
schlossenheit vom Gesicht, aus den Augen. Der
erste Mann verläßt sie, der zweite wird ein
Säufer und prügelt sie — das Ende mit Schrecken
ist nicht aufzuhalten.
Und das soll Kunst sein, ein Milieu zu zeich-
nen, worin jede Menschlichkeit, jede Idealität
zerstört wird? Die bekannte Frage der Leser.
Der Professor geht auf die herrschenden An-
sichten vom Wesen der Kunst ein. Die dar-
gestellten Dinge müssen nicht nur für sich, sie
müssen auch für uns leben, sie müssen in un-
serm Hirn und Herzen einen Widerhall wecken.
In und mit dem Lebendigen der Kunst muß
zugleich ein Teil unseres Eigenlebens durch-
dringen. Das ist der ideale Vorgang und sein
Inhalt sind die großen menschlichen Empfin-
dungen: Gott, Vaterland, Natur, Freiheit, Ge-
rechtigkeit, Schönheit, Erkenntnis, alles was die
Geschichte der Menschheit in ihrer Aufwärts-
bewegung erfüllt. Das ist ideal, weil es nicht
die Dinge in sich darstellt, sondern unsere Idee
— und wenn es nicht wirklich ist, so ist es doch
wahr, weil das Leben wahr ist, das wir den Dingen
mitteilen. Wir idealisieren das Leben der Dinge
und schaffen damit die ideale Form; wir lassen
in diesem Leben alle menschlichen Gefühle in
hellem Glänze aufleben und schaffen damit den
idealen Inhalt.
$0 MJCTfJlEL GE07{G C07V7^?D
Anders bei Zola. Hier ist weder ideale Form
noch idealer Inhalt. Das Triebwerk dieses
Lebens ruht nicht im Charakter, nicht im Ge-
danken, nicht im Gewissen, sondern im, Ani-
malischen. Nicht die Persönlichkeit ist die
herrschende Kraft, der Held ist das Milieu, dem
sich alles unterwirft. Damit ergibt sich von
selbst, daß auch von dem gewohnten künstleri-
schen Vorgang (Haupthandlung, Nebenhandlung,
Episoden] und den gewohnten künstlerischen
Formen (Eleganz des Ausdrucks, Stil, Geist)
nichts vorhanden ist. In der Welt Zolas gibt's
keine privilegierte Kasten, keine Heroen, keine
großen Lebenstatsachen von erlesenem Adel,
die sich ihre edle, feierliche Form schaffen.
Und wieder die Frage: Ist das Kunst? Was
für Kunst?
Um darauf eine Antwort zu finden, müssen
wir vom Streit des Tages und seinen Eindrücken
absehen, wir müssen weitere Horizonte suchen
und Zola im geschichtlichen Zusammenhange
nehmen, im allgemeinen Weltwerden. Kultur
und Kunst erblicken wir in einem Zustande der
Krisis. Die Ideale sind zerronnen, ruft Schiller.
Das Echo dieses Rufes vernehmen wir bei
Byron, Leopardi, Lamartine. Ist deswegen die
Kunst gestorben? Was gestorben ist, war eine
alte Form, die man für Kunst genommen. Während
sich die einen an eine Form anklammern, die
im Verschwinden ist, und den Tod der Kunst
EMJLE ZOLA 5/
beweinen, stehen andere Geister auf, freier und
ruhiger, die den Impulsen der neuen Zeit folgen
und ihre Kunst schaffen — diese Bewegung
geht durch ganz Europa. Victor Hugo kehrt
den klassischen Formen den Rücken und um-
schmeichelt die plebejischen Formen und läßt
sich in alle Widersprüche des wirklichen Lebens
ein. Er möchte ein Apostel des neuen Lebens
sein, trägt aber in seinem Schöße noch die
Reste des alten Lebens. So wird er Schöpfer
von phantastischen Typen, die auch nichts weiter
sind als idealistische Konstruktionen, wie sein
Gavroche, sein Quasimode und viele andere —
Bastardzeugungen aus Traum und Wirklichkeit,
Geschichte und Roman. Die Zwitterbildung
historischer Dramen, historischer Romane, die
eine Zeitlang üppig geblüht und dann rasch ver-
welkte, ist nur interessant als Seitenbewegung
zum Naturalismus hin. Wir sind der phanta-
stischen und sentimentalen Themata wie der
subjektiven und idealen Konstruktionen müde
geworden. Wir fühlen, die Reaktion des neuen
Geistes gegen die alte Welt, deren Ideale nur
noch Konventionen sind, vollzieht sich mit Not-
wendigkeit.
Der alte Spruch: Ich bin ein Mensch, nichts
Menschliches ist mir fremd, bedarf der Erwei-
terung. Es gibt Empfindungen, die der Mensch-
heit fremd sind und doch eine Seite unseres
Herzens erzittern lassen. Zum Beispiel die all-
52 MICHAEL GE07{G C0JVT{JII>
gemeinste Empfindung: Der Sinn fürs Leben-
dige. Im Altertum war die Kunst gewöhnlich
heroisch oder episch, als Ausdruck geheimer
oder göttlicher Ursachen, dann wurde sie mensch-
lich oder lyrisch, als wäre der Mensch der ein-
zige Mittelpunkt des Universums. Später er-
kannte man, daß im Zentrum der Kunst nicht
mehr äußere und himmlische Ursachen wirken,
sondern das Bewußtsein, das Gewissen, die
Psyche. Heute ist die Basis der Kunst das
Lebendige. Material der Kunst ist nicht das
Schöne und Edle, sondern alles, was lebendig
ist. Der alte Spruch des Terenz kann nun so
geformelt werden: Ich bin ein lebendiges Wesen,
nichts, was lebt, ist meinem Herzen fremd. Es
ist also ein Sinn in uns, der uns in der Kunst
das Lebendige und im Lebendigen das Natür-
liche, das Echte (nicht das Übertriebene, Ide-
alisierte, Aufgeschminkte) genießen läßt. Mehr
noch. Wie wir uns nicht mehr mit den Göttern,
mit den himmlischen Einflüssen begnügen, halten
wir uns auch nicht mehr an die Phänomene des
Gewissens. Unsere Nachkommen werden über
alle die psychologischen Erklärungen lachen,
die wir uns heute noch gefallen lassen, wie wir
über die Göttermaschinerie der Alten lachen,
Die Kunst stellt eben immer das Leben dar,
wie es in einer bestimmten Zeit erfaßt und er-
klärt wird. Die Bedeutung des Lebens lehrt
uns die Wissenschaft, und das künstlerische Leben
EMJLE ZOLA ^
einer Zeit korrespondiert mit der Wissenschaft
eben dieser Zeit. Heute würde eine glattweg
spychologische Kunst nicht mehr dem Stand
der Wissenschaft entsprechen. Man kann mir
sagen: Die Wissenschaft ist wahr, die Wissen-
schaft ist falsch — aber fraglos ist es so: Dies
ist unsere Wissenschaft, und die Wissenschaft
ist der Geist unseres Jahrhunderts. Der Be-
griff vom Menschen ist verwickelter geworden.
Es gibt keinen irdischen Einfluß, der nicht zur
Differenzierung des Erdenmenschen beitrüge
und seine Bildung bestimmte. Den Menschen
in seinen letzten Tiefen zu betrachten, gibt der
Kunst neue Elemente wie der Moral. Eine
ganze mikroskopische Welt, die zuvor noch kein
Auge beachtet, ist für die Kunst aufgegangen.
Nun muß auch sie von der Oberfläche ins In-
nere dringen. Die Kunst hat, kurz gesagt, um
dem Menschen zu schmeicheln, zu sehr seine
natürlichen Kräfte und animalischen Eigenschaf-
ten vernachlässigt. Die Natur fordert ihren
Platz in der neuen Kunst, die Animalität will
eine breitere Berücksichtigung. Der bis zum
äußersten verfeinerte Gedanke will die Hamlet-
sche Blässe abtun und in der animalen Kraft
neue Jugend gewinnen. Die Animalität ist die
Poesie junger Zeiten. Achill ist das wildeste
und schrecklichste Tier, das jemals Poetenphan-
tasie geschaffen. Dantes Hölle ist die gewal-
tigste Schilderung der menschlichen Animalität.
54 MICHAEL GEOTjG COWjJlD
(Also doch Dante! rief Zola.)
In dem alten Europa, das nach neuem Blute,
nach Verjüngung lechzt, ist mit den abstrak-
ten und mystischen Idealen nichts mehr anzu-
fangen. So muß mit der natürlichen Entwick-
lung die künstlerische Schritt halten. Homer,
Dante, Goethe — grandiose Entwicklungsepo-
chen heften sich an diese Namen. Wir wollen
das Werden schauen, Aufstieg oder Niedergang,
nicht mehr fertige Kategorien. Auch die Sprache,
in ihrer gelehrten Erschöpfung, will wieder
näher zur Natur hin, zum Idiom des Volkes,
das sich nicht von Regeln leiten läßt, sondern
von Eindrücken, won leidenschaftlichen Bewe-
gungen. AU das Verkürzte, Lebhafte, Flüssige
im Dialektischen mit dem ganzen Bilder- und
Sinnspruch-Schatz soll der Kunstsprache wieder
gewonnen werden.
Zola baut seinen Roman aus wirklichem Lebens-
material, nicht aus Stoffen der Einbildung. Wesen
von dieser Beschaffenheit bevölkern nicht nur
Paris, wir finden sie in allen Hauptstädten, ja,
zwei Drittel der Menschheit sind in diesem Zu-
stand. Es ist ein ehrlich evolutionistischer
Vorgang, der sich vor unsern Augen abspielt,
und es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, mit
welchem scharfen Wirklichkeitssinn, mit welcher
Genauigkeit wissenschaftlicher Beobachtung alle
Übergänge dieser langsamen und unbewußten
Auflösung festgehalten sind. Wie die Natur
EMILE ZOLA $$
den psychischen Menschen, so bildet hier der
Verfall den moralischen Menschen um, ohne
daß dieser sich dessen versieht. Die Einheit
im Assommoir bildet die Schnapsbude, die
cloaca maxima, aus der aller Schmutz fließt,
dieses Stelldichein aller Müßiggänger, Tagdiebe
und Gauner. Der Zusammenhang dieser Spe-
lunke mit dem Schicksal der armen Gervaise,
ein Symbol des Schicksals des ganzen Arbeiter-
viertels, ist mit einer Beharrlichkeit entwickelt,
die Bewunderung erregt. Und dieser pracht-
volle unpersönliche Stil! Der Künstler ist nicht
mehr der Priester, der sich zwischen Mensch
und Gott schiebt, der Leser tritt in unmittel-
bare Gemeinschaft mit der Sache. Mit dem
ganzen Katechismus der alten Formen ist auf-
geräumt. Trotzdem fehlt das Ideal nicht. Es
ist in den Dingen selbst verborgen, daraus die
menschlichen Empfindungen wie Funken sprü-
hen. In dieser Welt, wo der Mensch verschwin-
det und die Bestie erscheint, sind die wenigen
flüchtigen Spritzer reinmenschlichen Gefühls
äußerst fesselnd; es war Entweihung, wollte sich
der Autor einmischen, sie auch nur mit einem
einzigen begleitenden Wort zu stören. Zuweilen
blitzt es wie ein Silberfaden auf in dem schreck-
lichen Gewebe — ein stilles Leuchten des den
Dingen eingeborenen Ideals. Freilich, der Leser
der alten Schule merkt es kaum, er ist an grobe
Mittel gewöhnt. Meisterstücke dieser unaus-
56
MICHAEL GE07{G CONRAD
rottbaren innigen Lebenspoesie sind die Szenen,
wo Goujet der Gervaise seine Liebe erklärt, wo
sie beide, von einem bösen Gedanken gequält,
um einer Aussprache zu entgehen, aufs Feld
laufen, und dann die erschütternde Totenszene
mit dem „Fais dodo, ma belle!" des betrunkenen
Sargträgers. Wie gemein und wie ergreifend!
Die theologischen und metaphysischen Ideale
schwinden dahin; aber fühlen wir nicht, wie
wenigstens ebenso wirksame wie die natürlichen
Ideale sie ersetzen?
Die Kritik hat heute noch viel vom Turm-
bau zu Babel und seiner Sprachenverwirrung.
Die Vorläufer einer neuen Kunst sind wie
die Milchstraße, sie hinterlassen einen leuchten-
den Nebelstreif, aber die schärferen Augen der
Nachkommenden entdecken in diesem Licht
die Sterne. Idealismus, Realismus und alle Is-
men decken sich nicht mit der Wahrheit der
Dinge. Die Natur ist viel umfassender und
läßt sich nicht dahinein pressen. Die neue Kunst
ist nicht mehr Beschaulichkeit, nicht mehr ohn-
mächtiger Hamletgedanke; sie ist Handlung, sie
ist die Tat des verjüngten Faust. Die Losung
des ernsthaften Künstlers lautet: Laß die Dinge
sprechen! Sunt lacrimae rerum. Gib uns die
Tränen der Dinge und erspare uns die Deinigen!
(Der Bericht schließt: Schallender und an-
dauernder Beifall. Die Menge umdrängt den
Redner. Tiefe Bewegung.)
BM1LB ZOLA jj
Zola saß tief in seinem Lehnstuhl, die Lippen
aufeinander gepreßt, die Augen wie versunken,
in eine ferne, ferne Welt. Endlich erhob er
sich mit einem Seufzer: AJlons travailler!
BT{Jim>ZS: £>7£ UTZT{JlTV1i. BJIJVD XXVIII
$8 MICHAEL CEOJ{G COM^AB
1
m
CH SCHLAGE D1ETAGE-
bücher der Brüder Goncourt
auf und stelle die wesentlichen
Aufzeichnungen zusammen, die
sich darin über Zola finden:
1 868, 1 4- Dezember. Wir haben
heute unsern Bewunderer Zola
zum Frühstück bei uns. Es war das erstemal,
daß wir uns begegneten. Unser erster Eindruck
von ihm war der eines ehemaligen Normal-
schülers vom äußeren Habitus Sarceys, so et-
was wie ein totgeborenes Kind, aber als wir
ihn genau betrachten, enthält der untersetzte
junge Mann in seinen Zügen die zarten Fein-
heiten kostbaren Porzellans mit seinen scharf-
gezeichneten Augenbrauen und merkwürdig ab-
geplatteten Nasenflügeln. Mit einem Wort: er
ist etwas künstlich behauen, gleich den Gestal-
ten seiner Bücher, diesen verwickelten Wesen,
die bei all ihrer Männlichkeit bisweilen etwas
Frauenhaftes haben. Das Kränkliche, Leidende,
Übernervöse ist eine seiner hervorstechenden
Seiten. In Summa: ein unruhiger, ängstlicher,
tiefangelegter, komplizierter, geradezu rätselhaf-
ter Mensch. Er erzählt uns von den Schwie-
rigkeiten seiner Lebensführung und seinem
brennenden Wunsche nach einem Verleger, der
ihm für sechs Jahre hinaus jährlich sechstausend
Francs für sich und seine Mutter zusichern und
EMILE ZOLA 59
ihm dadurch die Möglichkeit geben würde, seine
„Geschichte einer Familie", einen Roman in acht
Bänden, zu schreiben. Denn er möchte nur noch
umfangreiche Sachen schreiben, nicht mehr diese
infamen unwürdigen Zeitungsartikel, die ihm
wider den Strich gehen. Während er mit bitte-
ren Worten sich und uns wieder zum Bewußt-
sein bringt, daß er erst achtundzwanzig Jahre
zählt, kommt zwischendurch seine unbändige
wütende Willenskraft jäh zum Ausdruck. „Wir
sind vorläufig die letzten, wir wissen, daß Sie
und Flaubert unsere literarischen Ahnen sind,
jawohl Sie! Selbst Ihre Feinde müssen aner-
kennen, daß Sie Ihre eigene Kunstform erfun-
den haben! Sie glauben, daß das nichts sei?
Das ist alles!"
1872, 3. Juni. Zola frühstückt heute bei mir.
Ich sehe, wie er sein BordeauxgJas mit beiden
Händen faßt und höre ihn sagen: „Sehen Sie
bloß, wie meine Finger zittern!" Und er erzählt
von einem beginnenden Herzleiden, einem be-
ginnenden Blasenleiden, einem drohenden Ge-
lenkrheumatismus. Niemals scheinen die Schrift-
steller so sehr als Todeskanditaten auf die Welt
gekommen zu sein wie heutzutage, und niemals
ist die geistige Arbeit aufreibender und ruhe-
loser gewesen. Trotz seines leidenden Nerven-
zustandes arbeitet Zola täglich von neun Uhr
früh bis halb eins und von drei bis acht abends.
Trotz seines Talents und seines wachsenden
6ö MJCTiJlEL CE07{G COW{JID
Rufes ist er zu solcher Anstrengung um des
lieben Brotes willen gezwungen. „Es bleibt
mir nichts anderes übrig", betont er wiederholt.
„Glauben Sie ja nicht, daß ich viel Energie habe,
ich bin faul von Natur, keiner hinreißenden
Begeisterung für die Arbeit fähig. Der Wille
ist bei mir durch die fixe Idee ersetzt. Ich
würde krank, wenn ich ihrer Herrschaft nicht
gehorchte".
1875, 25. Januar. Diner mit Turgenjew, Zola
und Daudet. Zola ist entzückt von der ausge-
zeichneten Küche. Als ich ihn frage: „Sind Sie
ein Feinschmecker, Zola?" antwortet er: „Wahr-
haftig, das ist mein einziges Laster. Wenn es
bei mir nicht etwas Gutes zu Tisch gibt, so bin
ich unglücklich. Ich habe ja auch nichts weiter,
alles andre existiert nicht für mich. Ach, wenn
Sie wüßten, wie mein Leben sich ableiert!"
Und mit plötzlich verdüstertem Gesicht beginnt
er das Kapitel von seinem Elend, entwirft das
dunkelste Gemälde von seiner Jugend, schildert
die Bitterkeiten, die er täglich auskosten muß,
die Kränkungen und Verdächtigungen, die man
ihm täglich zufügt, die Acht, die man über
seine Bücher verhängt. Auf den Einwurf, daß
er sich nicht zu beklagen brauche, daß er für
seine fünfunddreißig Jahre es schon recht hübsch
weit gebracht habe, da erwidert er: „Erlauben
Sie ein offenes Wort. Nennen Sie mich kin-
disch, meinetwegen. Niemals werde ich die
EMiLE ZOLA 6l
Ehrenlegion bekommen, niemals in die Akade-
mie aufgenommen werden, niemals eine jener
Auszeichnungen erhalten, die eine öffentliche
Bestätigung unseres Talentes sind. In den Au-
gen des Publikums bleibe ich ein Paria, jawohl,
ein Paria." Vier-, fünfmal wiederholte er das
Wort mit Heftigkeit.
1878, 17. Mai. Diner bei Charpentier, für die
Fünf, wie man uns nennt. Zola spricht von dem
Mißerfolg seines vor zehn Tagen aufgeführten
Stückes „Die Rosenknospe" und ruft aus: „Das
macht mich wieder jung. Ich fühle mich wie-
der wie ein Zwanzigjähriger. Der Erfolg des
Assommoir hat mich erschlafft. Wahrhaftig, wenn
ich an die lange Romanreihe denke, die ich noch
fertig zu machen habe, so fühle ich, daß nur
der Zustand des Kampfes und der zornigen Er-
regung es mir ermöglicht, sie zu schreiben."
1881, 20. Juni. Daudet und Charpentier mit
ihren Frauen und ich begeben uns heute nach
Medan zum Besuch zu Zolas. Zola holt uns
auf dem Bahnhof ab, er ist sehr zufrieden und
vergnügt und ruft, als wir im Wagen unterge-
bracht sind: „Ich habe heute zwölf Seiten an
meinem Roman geschrieben, zwölf Seiten, alle
Wetter! Das wird einer der verwickeltsten, die
ich geschrieben habe, es kommen siebzig Per-
sonen drin vor." Während er dies sagt, schwenkt
er eine gräßliche kleine Stereotyp-Ausgabe in
der Luft, die sich als der Roman „Paul und
62 MICHAEL GBOJ{G CONRAD
Virginie" entpuppte, den er als Lektüre wäh-
rend der Fahrt mitgenommen. Seine Besitzung,
die er für siebentausend Francs, glaube ich, ge-
kauft hatte, kostet ihn heute schon mehr als
zweihunderttausend. Sein Arbeitszimmer ist
ungeheuer hoch und groß, über dem Kamin
liest man den Wahlspruch: Nulla dies sine linea.
In einer Ecke bemerkt man ein Harmonium,
dessen Akkorde der berühmte Naturalist in der
Dämmerung ertönen läßt. Man frühstückt ver-
gnügt.
20. Oktober. Zola ist von Hause aus ein
Verächter des Geldes. Wie er heute erzählte,
hat er als Kind mit dem ersten Zwanzigsous-
stück, das er bekam, für neunzehn Sous sich
ein Geldtäschchen gekauft und den übrig ge-
bliebenen Sou hineingesteckt. —
Soweit das Goncourt-Tagebuch. Es ist von
Anfang an von den Brüdern Jules und Edmond
und später seit 1870 von Edmond allein mit
dem Blick auf die Veröffentlichung geschrieben
worden. Alle Intelligenz und ritterliche Gerad-
heit in Ehren, von spielerisch -selbstgefälligem
Getue sind die Aufzeichnungen der berühmten
Ästheten nicht frei. Dem glücklicherweise so
wenig von Pariser Kultur beleckten Natur-
kind Zola gegenüber — er erfreut sich zum
Beispiel einer Feinheit und Schärfe des Geruch-
sinns, wie man sie nur noch bei primitiven Rassen
findet — hatten es die vornehmen, mit Glücks-
EMILE ZOLA 63
gütern gesegneten Herren leicht, sich in den
hohen Olymp zu schwingen und ihn fühlen zu
lassen, wie wohlwollend sie sich zu dem Em-
porkömmling stellten. Das Denken mit dem
Herzen ist ihnen gewiß nicht versagt gewesen,
aber im Ausdruck bevorzugen sie zuweilen ein
Gedreh und Gedrechsel, das nicht mannhaft
wirkt. Spaßhaft ist die Impression der ersten
Begegnung, daß jemand wie ein totgebornes
Kind aussieht und doch Feinheiten alten Por-
zellans hat. Die Kunst, vergebliche Worte zu
unterlassen und sehr, sehr wählerisch im Aus-
druck von Augenblicksstimmungen zu sein, wo
sich's um höchst wertvolle Exemplare der
menschlichen Gattung und nicht um artistische
Seltenheiten und Sammler -Trödel handelt, ist
den Tagebuchschreibern nicht immer geglückt.
Man möchte wetten, daß sie in der Abschät-
zung eines Kunstgegenstandes, eines Bibelots
zurückhaltender und ängstlicher gewesen als
in der Wertung eines lebendigen Menschen-
bildes. Wenn ihre feine Bildung sie auch da-
vor bewahrte, der in Pariser Literatenkreisen
so gehätschelten Geistreichigkeit um jeden Preis
zu verfallen, dem schweren Ernst in Zola und
seiner ungeheuren Gewissenhaftigkeit wurde ihr
leichtblütiges Künstlernaturell kaum gerecht.
Wie rührend treu Zola seinem enggezogenen
Pariser Freundeskreis gewesen — Goncourt,
Flaubert, Daudet, Turgenjew und Verleger
§±
MICHAEL GE07{G COW{JID
Charpentier — läßt sich mit Worten nicht sa-
gen. Als Flaubert, kaum sechzig Jahre alt, in
der Fülle der Freude an seinem ruhmvollen
Sonderlingsleben, plötzlich dahin mußte, war
Zola so erschüttert, als wäre ein leiblicher Bru-
der von ihm gegangen. Tage und Tage brauchte
er, um einen Nachruf von wenigen Seiten zu
Ende zu schreiben, so heftig war sein Herz be-
wegt, und unaufhaltsam brachen ihm die Tränen
hervor. Und wie hat er Jöwenmutig für ihn
gegen die Philister gekämpft! Von demselben
Gustav Flaubert lasen wir jetzt in seinem Brief-
wechsel aus dem Jahre 1878, daß er sich selbst
in philisterlichem Gelehrtendünkel über Zola
erhob und ihm mit hämischem Tadel in den
Rücken fiel. Im tapferen Eintreten für die
Kameraden tat es Zola allen seinen Waffenbrü-
dern zuvor. Die zahlreichen Bände seiner ge-
sammelten kritischen Artikel in Zeitungen und
Zeitschriften sind ein einziger glänzender Be-
weis seiner Treue im Kampf. Umsonst sucht
man in diesen klaren Belegstücken nach einem
einzigen Wort, woraus sich erweisen ließe, daß
Zola dabei auch nur einen einzigen Augenblick
etwas von jenem häßlichen Geschäft im Auge
gehabt haben könne, was wir in Deutschland
Ruhmesversicherung auf Gegenseitigkeit nennen.
Es ist ein unangreifbarer Bestandteil der sitt-
lichen Größe Zolas, daß er sich niemals sein
Ideal der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit
EMJLE ZOLA 6$
durch irgend eine Rücksicht verdunkeln ließ.
Kein Fleckchen ist auf dem Schilde seiner Ehre
zu entdecken. Als Mensch wie als Literat war
er ein Ganzer, ein Unentwegter. Literatur und
Kunst waren ihm nicht, wie manchem seiner be-
rühmten Zeitgenossen (ich nehme hier weder die
Brüder Goncourt nach Guy de Maupassant
aus) artistische Probleme im Sinne Nietzsches,
sie waren ihm sein Leben selbst.
Über ein Menschenalter hat er mit der Fe-
der in der Hand den wahrhaft mörderischen
Kritiken seiner Gegner im In- und Auslande
standgehalten. Seine Rechtschaffenheit und seine
Überzeugung haben ihn wie mit Erz gepan-
zert. Die wiederholten Versuche, einen Sitz in
der Akademie zu erringen, hat man mit Un-
recht seinem naiven Ergeiz allein aufs Konto
gesetzt. Er wollte das alte Institut, so vielfach
eine Hochburg rückständigen Geistes und nicht
einwandfreier Gesinnung im Zusammenspiel mit
politischen Parteien, zur Kapitulation vor sei-
nem Werke und seiner Richtung zwingen. Er
wollte eine öffentliche Bestätigung dafür haben,
daß er zu hoher vaterländischer Bedeutung ge-
kommen durch die heldenhafte Beharrlichkeit,
den eisernen Fleiß und die wissenschaftliche
Umsicht, womit er von seinen frühesten Mannes-
jahren sich seiner einzigen Aufgabe gewidmet,
zum Heil und Ruhme Frankreichs. Die „Un-
sterblichen" unter der Kuppel Mazarins haben
66 MICHAEL GEOT{G CONT{AT>
ihm diese Bestätigung verweigert. Die Bedeu-
tung Zolas ist dadurch nicht geringer geworden.
Auf den Tafeln der geschichtlichen Bewegung
des Literaturgeistes in Frankreich ist die Linie
mit wachsender Schärfe und Deutlichkeit zu er-
kennen: Stendhal 1783 — 1840, Balzac 1799 bis
1850, Flaubert 1821 — j88o, Zola 1840—1902.
Auch von seinen großen Vorgängern ist keiner
der Aufnahme in die Akademie gewürdigt wor-
den. Die höhere Kultur verliert nichts dabei,
wenn ihre Vertreter auf diese Art von „Unsterb-
lichkeit" verzichten.
Aus dem Meister des französischen Natura-
lismus den Häuptling einer Schule machen zu
wollen und damit den großen Eigenwilligen
und Eigenmächtigen in einezünftlerische Hand-
werkerwelt alten Lebensstils einzuspannen, ge-
hört zu den Spielen, welche die Ewiggestrigen
nicht lassen mögen. Die sich in den Abenden
von Medan mit ihren Erstlingsarbeiten um Zola
gesammelt, sind alle mit mehr oder weniger
Glanz ihrer eigenen Wege gegangen, und Namen
wie Guy de Maupassant und Huysmans werden
noch lange im Sternbilde Zolas ihren hellen
Schein bewahren. Jeder Künstler-Mensch von
ursprünglicher Begabung — und nur sie zählen
in der höheren Kultur, nicht die Nachahmer,
nicht die Abschreiber, und mögen sie noch so
brav sein und ihre Leistungen noch so täuschend
— trägt sein eigenes Gesetz in sich, schafft
EMILE ZOLA 6?
sich seine eigene Methode und Regel. Nach
dem Grade der Verwandtschaft ziehen sie sich
an oder stoßen sich ab. Nur als Erwecker,
als Mutmacher und Dränger wirkt ein Kunst-
Mensch auf den andern. Einer steigert dem
andern das Gefühl seiner besonderen Artung
und Entwicklungsgewißheit. Alle Naturalismen,
die sich seit Zola ausgelebt haben, sind mit
ihrem eigenen Ton in dem großen Zeitkonzert
gehört worden, und nur ganz schlechte Musi-
kanten in der kritischen Zunft versteifen sich
darauf, keine Nuancen zu merken und keinen
Wechsel in der Besetzung des Orchesters.
Zwischen der besten naturalistischen Partitur
Gerhart Hauptmanns: Dem „Fuhrmann Hen-
schel" oder den „Webern", oder Holzens-Schlaf:
„Familie Selike" und Zolas „Therese Raquin"
sind die inneren künstlerischenllnterschiede nicht
geringer, als die psychologischen Wesensgründe,
die die Volksseele französischer Sprache von
der Volksseele deutscher Zunge scheiden.
Darum ruft es bei dem fein empfindenden
Kulturmenschen höherer Ordnung nicht die ge-
ringste Verwunderung hervor, daß ein einheit-
lich gestimmter Dichter unter gewissen Beding-
ungen den andern ebenso einheitlich gestimm-
ten Dichter kalt ablehnt, wie Friedrich Hebbel
den Lord Byron oder Grillparzer den Friedrich
Hebbel, während Goethe von innigster Wärme
für Byron erfüllt war. Friedrich Nietzsche, der
68 MJCTfJIEL GE07{G C07V7^D
Dichter-Denker der zweiten, seiner radikal-po-
sitivistischen Entwicklungsperiode, konnte den
Gott seiner ersten Periode, Richard Wagner,
für den er durchs Feuer gegangen, nicht mehr
verstehen und nicht mehr ausstehen, und Emile
Zolas Naturalismus wies er als „Kunst zu stin-
ken" mit paradoxem Eifer weit von sich, ob-
wohl sich Nietzsche und Zola in ihrem brutal-
genialen Eintreten für den natürlichen Macht-
willen und dessen Hochziele im Spiel der ge-
schichtlichen Kräfte unverkennbar berühren wie
mit Adlersfittichen. Anatole France, der feine
Skeptiker und Stilkünstler wandte jahrelang
Zola den Rücken mit der spöttischen Begrün-
dung: „Ich lese nur französische Bücher" —
bis er eines Tages den heftigsten Bewunderer
des verachteten Zola in sich entdeckte.
Mit diesen Widerspielen in den oberen Re-
gionen hat es freilich nichts zu schaffen, wenn
ein Witzbold der unteren Regionen sich wich-
tig macht: „Ich weiß nicht, wann ich Zola le-
sen soll, vor Tisch verdirbt er mir den Appetit,
nach Tisch stört er mir die Verdauung, und
abends schlafe ich darüber ein." Der Mann
täuscht sich einfach, es hat ihm niemand zuge-
mutet, Zola zu lesen, die Befriedigung seines
Lesetriebs ist für die Welt in und um Zola
gleichgültig.
Der Künstlermensch lebt in seiner selbstge-
schaffenen Atmosphäre. Er ist ein Ursprung-
EMJLE ZOLA 6g
liches, rätselvolles Gebilde der Schöpfung, eine
Individualität, deren Geheimnis nicht bloß in
ihren handwerks-künstlerischen Leistungen an
sich liegt, sondern ebenso sehr in ihrem eigen-
tümlich gesteigerten Menschlichen. Der Dich-
ter beobachtet wie der Forscher, aber sein Be-
obachten ist zugleich sein intensives Erleben.
Sein Gestalten intensivster Erlebnisse ist nur
möglich im Überströmen seiner Seelenkraft.
Die gestaltende Arbeit des Wissenschaftsmen-
schen ist reine Vernunft und weiß in der Regel
nichts von dem Flammenbad des Künstlers.
Zolas hartnäckiges, aus dem Gegensatz zur
blümeranten Schablonenromantik erklärliches
Versteifen auf die naturwissenschaftlichen Kunst-
ausdrücke im Schöngeistigen hat ihn als Ästhe-
tiker den bekannten Mißverständnissen ausge-
setzt. Seine Kampfesästhetik hat ihm den dum-
men Vorwurf zugezogen, seine Romane seien
keine Kunstwerke, an denen die schöpferische
Phantasie in erster Linie beteiligt sei, sondern
pseudowissenschaftliche Verstandesarbeit. Eben-
so gefährlich wurde ihm das Ausplaudern sei-
ner Werkstattgeheimnisse, seiner Arbeitsmethede.
„Er dichtet aus dem Notizbuch und aus dem
Zettelkasten!" riefen die idiotischen Neunmal-
weisen, die mit allen Notizbüchern und Zettel-
kästen der Welt nicht imstande wären, einen
Säufer wie den Coupeau oder eine Dirne wie
die Nana hinzustellen oder auch nur eine ein-
JO MJCBJIEL GEOJ{G C0M1{JIT>
zige Seite im Stile dieses eigenkräftigen kriti-
schen Seelenmenschen zu schreiben. Gewiß,
Zolas Kampfesästhetik ist aus der Zeit und ver-
geht mit der Zeit und trägt nicht den Ewig-
keitszug, der aus seinen großen Schöpfungen
leuchtet.
— Merkwürdig, sagte ich zu Zola, als ich
zu ihm ging, ihn zu dem Riesenerfolg seiner
„Nana" zu beglückwünschen, merkwürdig, wie
Ihre Art zu disponieren und zu arbeiten von
den Leuten verkannt wird. Ich erblicke darin
eine einfache künstlerische Notwendigkeit, eine
Art künstlerischer Teleologie. Man sieht sein
Ziel in voller Klarheit und läßt sich durch
nichts beirren. Alles wird diesem Ziele ange-
paßt, alles muß seiner Erreichung dienen. Theo-
rien, Methoden, Lebensweise, Rangordnung in
Liebe und Haß — alles wird in den Dienst
dieses Zieles gestellt. Von den neuen großen
Künstlern ist Richard Wagner ein Beispiel so
außerordentlicher Folgerichtigkeit in seinem
Schaffen, daß dem Blindesten die Augen auf-
gehen müßten. Von Etappe zu Etappe wird die
teleologisch festgelegte Marschroute deutlicher,
bis das Ziel: Bayreuth und die Festspiele zur
höchsten Vollendung des Musikdramas erreicht
ist. Aber die Blinden sehen nicht. Und darum
andauernd dieses blödsinnige Geschwätz über
Richard Wagner und seine Kunst wie über Sie,
lieber Meister, und Ihr Schaffen.
EMILE ZOLA Jl
— Wenn Sie das Teleologie nennen wollen,
so bemerke ich, daß das zugleich ein Ergebnis
des Nachdenkens über sich und die Welt ist.
Ich hatte nur die Wahl: entweder in Paris im
Getriebe des Kampfes ums Brot im kleinen
Journalismus zu verkommen oder mich mit
meiner Idee an die Spitze der literarischen Be-
wegung durchzuarbeiten und Paris zu erobern.
Einen gewaltigen Stoff, der in der Mächtigkeit
seiner Ausarbeitung alle Energien bindet und
dann auf das Ziel losschleudert! Als ich meine
Idee und meinen Stoff hatte und alle Vorar-
beiten erledigt waren, schrieb ich den ganzen
Plan sauber ins Reine und schloß meinen Ver-
trag mit dem Verleger ab. Zuerst war die Serie
auf zwölf Bände berechnet, dann auf zwanzig
erweitert. Also ein richtiges Lebenswerk mit
der geregelten Arbeit von Tag zu Tag. Nur
die Arbeit kann uns von der Misere des Da-
seins retten und alle Traurigkeit niederzwingen.
Nur sie gibt uns die Herrschaft über alles. Die
weitausgreifende Disposition meines Roman-
werkes unter dem Gesichtspunkte der Verer-
bungshypothese diente meiner künstlerischen
Befriedigung, aber auch meiner wirtschaftlichen
Sicherung. Ruhe des Schaffens und absolute
Hingabe an das künstlerischeZiel ist eine schwere
Sache ohne eine gute ökonomische Basis. Ich
wollte nicht mechanisch Werk neben Werk
stellen und den Stammbaum der Rougon-Mac-
J2 MICHAEL GEOJ{G COMT{AT>
quart abarbeiten, wie man reifes Obst pflückt.
Die geordnete Produktion sollte Schritt halten
mit meiner Selbstentwicklung. Die äußere Ar-
beit war zugleich das Drama meiner inneren
Selbstbefreiung. Das Drama will Ordnung. Der
erste Band der Rougon- Macquart sollte er-
scheinen, da kam das schreckliche Jahr 1870
mit dem Krieg. Ich war als einziger Sohn einer
Witwe militärfrei, der Ausbruch des Krieges
überraschte mich in Marseille — und nun war
ich abgeschnitten von Paris. Meine Frau war
mit meiner Mutter bei mir, wir waren jung
verheiratet, und die zarte Gesundheit meiner
Frau forderte den Aufenthalt im Süden. Aber
ich hatte zunächst nur das dumpfe Gefühl:
Dieser Krieg ist das Ende der Welt, jetzt ist's
mit Paris und der Literatur aus, und die Be-
dingungen meiner literarischen und wirtschaft-
lichen Existenz sind vernichtet. Als Katastrophe
über Katastrophe kam, eilte ich nach Bordeaux,
an den Sitz der Nationalverteidigung. Alles
hing jetzt von der Politik ab, die mir fatal und
verhaßt war. Es blieb mir nichts übrig, ich warf
mich auch auf die Politik. Bis ich's aber zu der
Präfektur brachte, die mir in Aussicht war,
wurde Friede geschlossen und Paris war wieder
offen. Im Winter 1871 erschien der erste Band
meines Zyklus. Nun wußte ich, daß mich nichts
mehr aus der Bahn schleudern sollte. Vorwärts
in die Zukunft hinein, an der Spitze des neuen
FRAU EMILE ZOLA.
EMILE ZOLA
11
Geistes der Zeit, zerstört und vergessen, was
hinter mir liegt. Wenn Sie das Teleologie nen-
nen wollen — ein klarer Zwang meiner Natur
war es gewiß.
— Erstaunlich finde ich, daß Sie neben dieser
Riesenarbeit Ihres Roman-Zyklus dem Jour-
nalismus treu bleiben und diese Unsumme von
Aufsätzen über Literatur, Kunst, Theater, politi-
sche und soziale Fragen veröffentlichen konnten.
— Einmal wollte ich die Waffe nicht aus der
Hand geben, die nur der moderne Journalis-
mus mit seinem ungeheuren Leserkreis bietet.
Wie ich damit unserer impressionistischen Evo-
lution in der Malerei, allen voran unserem ge-
nialen Manet und seinen Leuten nützen konnte,
wissen Sie. Sodann gewährte es mir eine Er-
holung, all den gräßlichen Haubenstöcken und
Perücken journalistisch zu Leibe zu gehen, die
uns in der Neuordnung unseres schwer heim-
gesuchten Frankreich behinderten. Endlich hielt
ich's für meine Pflicht, die wissenschaftliche Me-
thode des Beobachtens, Zergliederns und Ex-
perimentierens auf alle Fragen des öffentlichen
Lebens anzuwenden und etwas Licht und Ge-
rechtigkeit verbreiten zu helfen, wo die alte
Phrasenwirtschaft der Parteien nichts als Ver-
wirrung anrichtete. Was hat man sich als Freund
des freien Denkens und als redlicher Bürger
nicht alles vom Herzen zu schreiben! Glauben
Sie, daß die Erwerbsucht dabei mitgesprochen?
BRANDES: DIE LITERATUR. BAND XXVIII F
74 MlCJiJlBL GEOT{G C07V7^D
Jetzt, wo der fabelhafte Erfolg von Nana und
Assommoir auch meine früheren Bücher bei
dem Publikum in Schwung bringt? Oder der
Ehrgeiz, auf allen Suppen herumschwimmen?
— Und noch etwas, Meister, wäre hier an-
zuführen. Damit Sie in Ihrer künstlerischen
Produktion rein dichterisch und sachlich ver-
fahren konnten, war es ein vorzüglicher Kunst-
griff, alles Tendenziöse mit dem ganzen Klein-
kram der literarischen Sorgen in der Presse ab-
zuladen. Im Journalismus werfen Sie den Bal-
last aus, um mit dem Ballon der Werke hoch-
zugehn. Als Journalist hatten Sie sich ausge-
sprochen, nun konnten Sie als Künstler formen
und gestalten, im Reichtum Ihrer naturalistisch
gebändigten Phantasie schwelgen und brauchten
sich nicht gegen die Versuchung zu wehren, das
Buch als Kanzel für Ihre Privatmeinungen zu
gebrauchen, ein Gebrauch der künstlerisch ein
Mißbrauch wäre.
— Daran habe ich nicht gedacht, aber Sie
haben recht. Ich gewann dadurch die schöne
Freiheit für mein Werk, es wurde mir leicht
und wohl, wenn ich den journalistischen Mühl-
esel mit seiner Fracht aus dem Hause hatte.
Meine Schreibstube ist sauber, mein Tisch
blank, in jedem Roman bearbeite ich eine be-
sondere Welt, in die nichts Fremdes hinein darf.
Aber sagen Sie, wann erhalte ich den famosen
Artikel in „Nord und Süd", zu dem Sie mein
EMJLE ZOLA 75
Bild beigesteuert? Ist wenigstens das Bild
hübsch herausgekommen, das ich für Sie aus-
gewählt? Ach, warum haben Sie den Artikel
über mich nicht auch für „Nord und Süd" ge-
schrieben! Wie wunderschön haben Sie mich
in Ihren Feuilletons in der Frankfurter Zeitung
behandelt — sogar mit Kindern haben Sie mich
gesegnet! Meine arme Frau hat vor Rührung
geweint, als ich ihr davon erzählte — Sie Gü-
tiger!
Und Zola reichte mir lachend die Hand.
Ich lachte auch, aber dabei bin ich doch rot
bis über die Ohren geworden.
Die Sache war so. Von der Redaktion von
„Nord und Süd" war ich ersucht worden, zu
einer Abhandlung von Ludwig Pfau über Emile
Zola ein gutes Bildnis des Dichters zu besorgen.
Ich begab mich zu diesem Zweck zu Zola selbst.
Auf mein wiederholtes Klingeln wurde nicht
geöffnet. Da hörte ich plötzlich Frauen- und
Kinderstimmen fröhlich durcheinander schwirren
im Korridor. Statt noch einmal zu klingeln,
klopfte ich an die Tür. Wer mir öffnete, war
Frau Zola selbst, ein Kind an der Hand, strah-
lend vor Vergnügen. Ein anderes allerliebstes
Lockenköpfchen stand unter der Küchentür.
Frau Zola ließ mich in den Salon treten, Herr
Zola würde gleich kommen. Von der Küche
schallten die lustigen Stimmen aufs neue herüber.
Ich glaubte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen
j6 MICHAEL GEOJ{G C0JV7{J[D
den Kindern und der anmutigen Frau Zola be-
merkt zu haben. Konnten es nicht ihre Kinder
sein? Ich wollte Zola zu der lieblichen Nach-
kommenschaft Glück wünschen, kam aber im
Eifer des Gesprächs, das Zola über alle mög-
lichen Fragen heute temperamentvoller denn je
zu leiten wußte, nicht mehr dazu. Auch als er
seine Frau hereinrief, bei der Auswahl der
Photographie für „Nord und Süd" ihr Gut-
achten zu geben, dachte ich nicht mehr daran.
Und so befestigte sich in mir die Meinung, daß
die Kinderlust in dem Hause Zolas selbstver-
ständlich auf das Vaterglück des fruchtbaren
Schriftstellers zurückzuführen sei. Und schließ-
lich — hatte ich in der Frankfurter Zeitung
der Familie Zola zu dem Kindersegen verholfen,
den sie seit zwölf Jahren vergeblich ersehnte. Es
ist mir nicht entgangen, daß Zola es nicht liebte,
seine Frau und seine Familien-] ntimitäten in
der Presse erwähnt zu finden. Ich hörte ein-
mal von ihm das Wort: Meine Frau hab ich
für mich, nicht für die Öffentlichkeit genommen.
Ich kannte auch seine resignierte Stellung zu
allen Fragen des Ehelebens. Als die Ehe-
scheidungsdebatte in der Kammer ganz Frank-
reich erregte, blieb er kühl und wortkarg. In
einer Umfrage beschänkte er sich auf die paar
Sätze:
„Man muß sich zu vertragen wissen, das
ständige Zusammenleben zweier Wesen ist mei-
EMILE ZOLA JJ
stens unangenehm. Links und rechts sind die
nämlichen Beschwerden, es gewährt keinen Vor-
teil, anderwärts die vollkommene Glückseligkeit
zu suchen. Denkt euch einen Kranken, der
sich im Bett hin und her wirft ohne eine gute
Lage zu finden. Wohlan, dieser Kranke ist die
Menschheit in der Ehe. Ich bin durchaus über-
zeugt, daß die Frage des Eheglücks nur gelöst
werden kann durch gegenseitige Duldung. Es
gibt keine eheliche Hölle, außer man hat mit
Narren zu tun, die nicht erträglich würde, wenn
beide Teile ein wenig Vernunft und viel Mit-
leid haben." Frau Zola hat es gewiß nicht an
Vernunft und Mitleid in der Ehe fehlen lassen und
ihrem berühmten Gatten den Kontakt mit der Na-
tur, dessen er so bedurfte, nicht erschwert. Sie war
in ihrer Jugend Verkäuferin gewesen — Fräulein
Mesley — und besaß Menschenkenntnis. Sie
war Zolas erste ernste Liebe gewesen und hei-
ratete ihn, als er noch ein armer Held der
Feder war, in der Hoffnung besserer Zeiten.
Die besseren Zeiten kamen, nur der Kinder-
segen blieb aus. Sie duldete, daß ihr Mann,
der leidenschaftlich nach Nachkommenschaft ver-
langte, mit einer jungen Bäuerin in Medan zwei
Kinder zeugte. Wie eine Naturgewalt hatte es
den damals fünfzigjährigen Mann gepackt. Als
die Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, der
Volksschule entwachsen und gut geraten waren,
wurden sie von Herrn und Frau Zola in aller
78
MICHAEL GE07{G COTM{jrD
Stille adoptiert. Dieser einfache edel menschliche
Vorgang, der alle Teile befriedigte, wurde von
der braven Heuchlerbande der Splitterrichter
natürlich für ungeheuerlichen Frevel erklärt. —
Endlich konnte ich dem Meister Zola das
Heft von „Nord und Süd" bringen, worin
Ludwig Pfau den französischen Epiker auf dem
wurmstichigen Altar der alten idealistischen
Schulästhetik abzuschlachten vermeinte.
Zola betrachtete erst sein Bild: — Eine feine
Radierung! Dann durchblätterte er den Aufsatz:
— O, ein halbes Hundert großer, eng gedruck-
ter Seiten! Dann wünschte er wenigstens den
Anfang und den Schluß zu hören.
Ich übersetze: „Es hat mich einige Über-
windung gekostet, die Arbeit einer ernstlichen
Studie an eine literarische Erscheinung zuwen-
den, welche für sich betrachtet, diese Mühe
nicht verlohnt und ohne Zweifel nach kurzer
Frist ebenso tief in die Stille der Vergessenheit
zurücksinken wird, als sie jetzt hoch in den
Lärm des Tages emporsteigt."
— Der Mann weissagt? Der Mann ist ein
Prophet? rief Zola.
— Ja, nicht nur das, er fühlt sich zugleich
als der geborene Lehrer, Vormund, Richter
und Polizeimeister aller künstlerisch schaffenden
Menschen. Außer Ihnen nimmt er auch den
Meister von Bayreuth vor, um ihn mit Schimpf
und Schande aus dem Tempel der Kunst zu jagen.
EMILE ZOLA 79
— Das ist ja sehr interessant. Bitte, über-
setzen Sie mir die Stelle über Wagner!
Ich übersetze mit einigen Abkürzungen: „Die
Zukunftsmusik hat die größte Analogie mit der
Zukunftsliteratur. Vor allem zeigt sie dieselbe
Marktschreierei, dieselbe Mißachtung der Vor-
gänger unter dem Vorwand der Unnatur, das-
selbe Bestreben, das sinnliche Prinzip zur Herr-
schaft zu bringen und das geistige Prinzip an
die Wand zu drücken. Dabei dieselbe Über-
ladung, die kein Ende findet, ein endlos sich
abwickelnder Bandwurm, eine Enttäuschung für
die Phantasie. So bringt denn auch diese Musik
dieselbe Wirkung hervor, wie jene Literatur, es
ist die höhere Katzenmusik. Das Kunstwerk
der Zukunft mit all seinen Pauken und Trom-
peten ist nichts als ein großer Humbug."
— Und das ist für das gelehrte Deutschland
geschrieben, wortwörtlich so? fragte Zola er-
staunt.
— Wortwörtlich. Und gleich nach dieser
Abfertigung Ihrer Literatur und der Wagner-
schen Musik wirft Herr Pfau mit einer fürch-
terlichen Grimasse die Frage auf, was denn etwa
aus Schiller geworden wäre, wenn er nach Zola-
schen Rezepten gedichtet und seine weltbe-
rühmten Dramen Teil oder Wallenstein auf
naturalistische Art angefertigt hätte!
Nun brach Zola in ein schallendes Gelächter
aus: — Das ist der Gipfel, ums Himmelswillen!
80 MJCTiJlEL GE07{G COWJ^JID
Und diese kritische Mißgeburt lebt irgend wo
und wird von irgend wem ernst genommen?
— Er ist heute noch einer der namhaftesten
Kunstschreiber und hat Zutritt in den ersten
deutschen Zeitungen. Wir haben das beste Bei-
spiel an ihm, daß Kritik nicht in einer gewissen
Intellektualität und Beherrschung gelehrter Ter-
minologien besteht, sondern in Takt und Ge-
fühl, in Instinkt und Witterung für neue Größe
und Schönheit. Geradezu burlesk wirkt dieser
Pfau. Er hat in der Kunststadt München gelebt,
versteht sehr gut die französische Sprache und
hat sich seit Janger Zeit in Paris angesiedelt.
In komischem Schrecken rief Zola: — In Paris?
Am Ende gar in meiner Nähe? Da wandere
ich aus, wahrhaftig! Aber das Heft von „Nord
und Süd" schenke ich Turgenjew. Der russische
Melancholiker lacht sich zu Tode, ganz sicher.
Erst sechs Jahre später erschien in einer
gleich ernsten Zeitschrift, in der „Deutschen
Rundschau" (1888) die vorzügliche Studie von
Georg Brandes über Emile Zola und gab dem
Leserkreis, der sich seither an Autoritäten vom
Schlage des Herrn Ludwig Pfau gehalten hatte,
die neuen Gesichtspunkte und Stichworte. In-
zwischen war auch mein Kampforgan für die
moderne Bewegung „Die Gesellschaft" (seit 1 885)
inMünchen erschienen, undmitfliegenden Fahnen
sammelte sich die deutsche Jugend im Lager des
Fortschritts.
EM7LE ZOLA
8l
iiiiii
NTER FORTGESETZTEN
Kämpfen gegen Schmähungen
und Verleumdungen vollendete
im Jahre 1893 Z°Ja mit dem
stillen, menschenfreundlichenGe-
lehrten und Arzt Doktor Pas-
cal den letzten Band der Serie,
die er 1868 mit dem „Glück der Rougon"
begonnen. Volle fünfundzwanzig Jahre hat der
Unermüdliche und Unerschrockene daran ge-
arbeitet. Wie die Alpenkette auf einer Relief-
karte, so ragt dieses Riesenwerk der Rougon-
Macquart aus der europäischen Literatur unse-
res Zeitalters. Ganz Frankreich in seinen Höhen
und Tiefen, in Stadt und Land, in Not und
Schönheit, in seiner rastlosen Arbeit über und
unter der Erde lebt darin, von der Gründung
des zweiten Kaiserreichs durch den Staatsstreich
bis zu seinem blutigen Zusammenbruch bei
Sedan. Alle Fragen der Zeit, von den atem-
beklemmendsten der Nation bis zu den klein-
sten Sorgen des Proletariats, ziehen in einer
ungeheuren Fülle von Bildern und Gestalten
an dem Leser vorüber. Keine andere Literatur
hat etwas ähnlich Machtvolles und Umfassen-
des aufzuweisen. Nur; Romane, aufgereiht am
Faden der Erblichkeit? Nein, Erblichkeit ist
das Leben und sein tiefstes sittliches Symbol.
Und seit Zola mit dem trotzigen Satz „Nichts
82 MICHAEL GEOJ{G C0J\J{JID
als die Wahrheit!" und mit der philistermörde-
rischen Kühnheit „Alles muß gesagt werden!"
in dieses Leben hineingegriffen und seine fürch-
terlichsten wie seine intimsten Seiten zur Schau
gestellt, ist überall in Europa den Gesellschafts-
kritikern der Mut gewachsen, und der Kampf
gegen den Alkoholismus, gegen die Prostitution,
gegen die Geschlechtskrankheiten, gegen die
Rasseverderbnis durch die Großstadtmoral wird
heute mit einer Offenheit und Schneid geführt,
die in der Zeit der feigen Prüderie vor Zola
einfach undenkbar gewesen.
Und wenn einmal von diesem Riesen und
seinem Riesenwerk nichts mehr übrig wäre,
als eine leise literarische Erinnerung, sein Geist
lebte in den großen Errungenschaften der höheren
Kulturmenschheit, vor allem in der Bravour
ihres Gewissens weiter. Und wenn die Bände
der Rougon-Macquart in Staub zerfielen, auch
diejenigen, auf welchen heute selbst bei den
Widerwilligsten der Ruhm des Ganzen wie auf
Grundpfeilern ruht: Germinal, Assommoir, die
Erde — die bildende Kunst eines Konstantin
Meunier hat in seinem „Denkmal der Arbeit"
die Figuren Zolas in Stein gemeißelt und in Erz
gegossen und sie damit in einer neuen organi-
schen Kunstlebensform verewigt. Nie wurde
die ernste Schönheit und stille Größe der Hel-
den der Arbeit ergreifender zum Schauen ge-
bracht.
EMJLE ZOLA 8j
Aber nicht nur rühren und ergreifen will
uns diese Kunst, sondern auch zu einem ver-
schärften Denken über völket biologische Prob-
leme treiben. Dreißig Jahre nach Zolas An-
fängen mit dem Rougon- Macquartstammbaum
hat Ernst Häckel die berühmte Preisfrage ge-
stellt, für deren beste Lösung Friedrich Krupp
die Preise gestiftet: Was lernen wir aus den
Prinzipien der Deszendenztheorie in Beziehung
auf die innere politische Entwicklung und Ge-
setzgebung der Staaten?
Und welche Wichtigkeit hat für die Kultur-
menschheit inzwischen die Rassenfrage ge-
wonnen!
Die Werke, die Emile Zola nach den Rougon-
Macquart in Angriff genommen, seine „Drei
Städte" (Lourdes, Rom, Paris) und die „Vier
Evangelien" (Fruchtbarkeit, Arbeit, Wahrheit,
Gerechtigkeit) führen früher angeschlagene na-
tionalbiologische Motive auf neuen Schauplätzen
weiter aus. Nicht als fabulierender Schöngeist,
sondern als Kämpfer um ein neues Menschen-
und Kulturwissen will Zola seinem Volke den
Spiegel vorhalten, das Volksschädliche abweh-
ren, das Tüchtige mehren. In seinem Zukunfts-
programm berührt sich Zola vielfach mit Björn-
son. In diesen späten, ungemein mit Einzel-
beobachtungen und episodischen Kleinmalereien
belasteten Werken ist es nicht immer leicht, die
große Linie der kunstvoll geführten Entwick-
84 MICHAEL GEOTjG COMTjA'D
lung der einzelnen Teile herauszufinden. Vor
Vollendung des letzten Bandes riß ein tragischer
Tod den großen Epiker und lebenbejahenden,
fortschrittsgläubigen Gesellschaftskritiker aus
dem Leben und Schaffen hinweg, am 28. Sep-
tember 1902.
Kurz vorher hat sein künstlerisches Tempe-
rament in der Dreyfus- Sache im Bunde mit
seiner homerischen Kampfeslust noch einmal
zu einem Schlage gegen Lüge, Gemeinheit und
Niedertracht ausgeholt, der die gesamte Kultur-
welt durchdröhnte. Hier verkörperte er nicht
nur mit Einsatz seines eigenen Lebens das Ge-
wissen seiner Nation, sondern das Gewissen
der Menschheit. Seine Rufe als Volkstribun:
„J'accuse!" und „La Verite en marche!" fügen
sich dem gewaltigen Akkord seiner unvergäng-
lichen Lebenstaten harmonisch ein. Auch über
ihn selbst ist jetzt die Wahrheit in sieghaftem
Vormarsch, und die Umrisse seiner Erscheinung
wachsen in klaren, treuen Linien ins ewige
Licht. Vor einem Jahrzehnt noch hat man sei-
nen englischen Verleger Henry Vizetelly we-
gen der Übertragung des Erde- Romans in
London kriminell verfolgt, ins Gefängnis ge-
sperrt, gesellschaftlich und finanziell ruiniert.
Heut wird kein Kulturmensch in Europa Zolas
künstlerische und sittliche Bedeutung, gleich-
gültig in welchem seiner Werke, in Frage stellen.
Die Größe sehen! Das ist die Aufgabe der
EMILE ZOLA
^5
Erziehung zur Kunst. Und Größen nebenein-
ander gelten lassen, auch wenn sie nichts mit-
einander gemeinsam hätten, als daß sie groß
sind! Zola und Wagner und Nietzsche und Ib-
sen und BöckJin — welche Summe von ver-
schiedener Schönheit und Kulturgewalt in einem
Jahrhundert!
Und ringsum Größe sprießen zu sehen und
zu fördern, gibt dem Menschen seinen Rang
und dem Leben seine Bedeutung. —
BJBUOGT{APmSCBET{ A'NÜA'NG.
WERKE EMILE ZOLA'S.
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— an Ninon. Dtsch. v. F.Wohlfahrt. Grossenhain 1880.
Der Experimentairoman. Leipzig 1904.
Der Fehltritt des Priesters (La faute de l'abbe Mou-
ret). Dtsch. v. H. Rose. Berlin 1895.
Das Fischerstechen. Erzähl. Dtsch. v. R. Foerster.
Gross-Lichterfelde 1 898.
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Germinal. Übtr. v. W. Eichner. Berlin 1897.
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— (Der Keimmonat.) Soz. R. Grossenhain 1896.
— Übs. v. H. Rose. Berlin 1896.
— Dtsch. v. H. Ulrich. Leipzig 1898.
— Dtsch. v. C. v. Wallerstein. Dresden 1899.
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Das Geständnis e. J ünglings. (La confession de Claude).
Dtsch. v. E. Berg. Berlin 1895.
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Das Glück d. Familie Rougon. Berlin 1895.
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— Dtsch. v. K. Walther. Mit Abbildg. Stuttgart 1900.
Das Glück d. Hauses Rougon. Dtsch. v. R. Rode.
Grossenhain 1882.
Der häusl. Herd (Pot Bouille). Dtsch. v. A. Schwarz.
Budapest 1 872.
JeanGourdon. Dtsch. v. L. Herrmann. Grossenhain 1891.
In provencal. Glut. Nov. (Na'i's Micoulin, Hochwasser.)
Dtsch. v. W. Eichner. Gross-Lichterfelde i 897.
Königin Primavera. Satire. Dtsch. v. L. Wechsler.
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Ein Leben in Liebe, Novellen (kleine Bibl. Langen 87).
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Die Lebensfreude. Berlin 1897.
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Lebenswonne. Dtsch. v. P. Heichen. Grossenhain 1890.
Leichtfüssi geHistörchen. Novellen u.Erz. Leipzig 1 886.
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Liebesblätter. Dtsch. v. E.Berg. Berlin 1895.
— Dtsch. v. C. v. Waiden. Dresden 1 899.
Liebesgeschichten. NaYs, d. Perle d. Provence. Ber-
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— Nantas d. Millionär. Berlin 1 899.
Liebes- u. a. Geschichten. Dtsch. v. M. Pannwitz.
Mit Abbildg. Stuttgart 1900.
Lili u. a. Erz. Dtsch. v. P. Heichen. Berlin 1888.
Lili u. andere Nov. (kl. Bibl. Langen 67). München 1903.
Lourdes. 3 Bde. Stuttgart 1 895.
Lourdes (Die drei Städte) Übers, v. A. Schwarz. Buda-
pest 1904. Diese Ausgabe darf im Deutschen Reich nicht
verkauft werden.
Madame Neigon. Dtsch. v. R. Fo erster. Gross-Lichter-
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Madame Sourdis. Nantos. Stuttgart 1904.
Madelaine F£rat (Magdalena). Berlin 1895.
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— Dtsch. v. C. v. Waiden. Dresden 1 899.
— Dtsch. v. L. Wechsler. Budapest 1 898.
Magdalena. Dtsch. v. J. Moritz. Grossenhain 1884.
DasMärchenbuchderLiebe. (Erzähl, v. Ninon). Neue
deutsche Ausg. Neuweissensee o. J. (1905).
Märchenbuch der wahren Liebe (Contes ä Ninon).
Dtsch. v. E. Berg. Berlin 1897.
Meine Liebste u. and. Nov. (kleine Bibl. Langen 78)
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Messidor. Musikdrama. Mit einem symphon. Zwischen-
spiel: Die Legende v. Gold. Musik v. A. Bruneau. Köln
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Moralische Novellen. Dtsch. v. P. Heichen. Leip-
zig 1886.
Mutter Erde. Dtsch. v. A. Schwarz. Budapest 1888.
Mutter Erde. Frei bearb. v.H.v. Carlawitz. Dresden 1900.
NaYs Miroulin. Nantos. Wie Olivier B£caille starb. Frau
Neigon. Die Austern des Herrn Chabre. Jacques Da-
mour. Dtsch. v. L. Wechsler. Budapest 1892.
Nana. Pariser Sittenroman. Berlin 1900.
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— Dtsch. v. A. Schwarz. Budapest 1882.
— Ubers. v. F. Netto. Neuweissensee o. J. (1905).
Nantas u. andere Nov. (kleine Bibl. Langen 75). Mün-
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Naturalistische Dramen (Renee. — Therese Raquin).
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Der naturalistische Roman in Frankreich. Dtsch.
v. L. Berg. Stuttgart 1 893.
Novellen-Bibliothek. 8 Bde. Leipzig 1898. 1903.
Inhalt: 1. Leben u. Lieben. 2. Freudenrausch am Strande.
3. Ballfreuden. Ein Bad. 4. Scheintot. 5. Um eine Lie-
besnacht. 6. Im Kampfgewühl. 7. Die Austern des Herrn
Chabre. 8. Jacques Damour.
Paris. Dtsch v. A. Berger. 3 Bde. Stuttgart 1898.
Paris (Die drei Städte). Ubers. v. A. Schwarz. Budapest
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Realistische Novellen. Dtsch. von P. Heichen. Leip-
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Rom. Dtsch. v. A. Berger. 3 Bde. Stuttgart 1896.
Rom ivDie drei Städte). Übers, v. A. Schwarz. Budapest
1904. Diese Ausgabe darf im Deutschen Reiche nicht
verkauft werden.
Romane. 10 Bde. Leipzig 1905. 1. Erzähl, an Ninon.
2. Therese Raquin. 3. Die Wonne des Lebens. 4. Mutter
Erde. 5. Zum Paradies der Damen. 6. Nana. 7. Ein
sittsam Heim. 8. Die Sünde des Priesters. 9. Das Glück
der Familie Rougon. 1 o. S. Exzell. Eug. Rougon.
Die Rougon-Macqua rt. Die Geschichte einer Familie
unter d. 2. Kaiserreich. Unverkürzte Ausg. 20 Bde.
Budapest 1892/99. j. Das Glück der Familie Rougon.
— 2. Die Treibjagd. — 3. Der Bauch von Paris. —
4. Die Eroberung von Plassans. — 5. Die Sünde d. Abbe
Mouret. — 6. Seine Exzellenz Eug. Rougon. — 7. Der
94 BJBLWGTjJlPmSCHEJi AWHJUVG
Totschläger. — 8. Ein Blättchen Liebe. — 9. Nana. —
10. Der häusliche Herd. — 11. Zum Paradies der Da-
men. — 1 1. Die Lebensfreude. — 1 3. Germinal. —
14. Das Kunstwerk. — 15. Mutter Erde. — 16. Der Traum.
— 17. Die Bestie im Menschen. — 1 8. Das Geld. —
19. Der Zusammenbruch (1 870/71 ). — 20. Doktor Paskai.
Der schöne Felix. Eine Liebesgesch. Berlin 1899.
Seine Exzellenz Eugen Rougon. Berlin 1897.
— Dtsch. v. R. Rode. Grossenhain 1 883.
v. O. Schwarz. Budapest 1 890.
v. C. v. "Waiden. Dresden 1 899.
Die Schuld des Pastors Mouret. Grossenhain 1886.
Die Schulden der Marquise u. and. Nov. München 1898.
Sinnen und Leiden. Erzählg. Dtsch. v. E. Kühne.
Berlin (o. J.)
Ein sittsam Heim. Dtsch. v. P. Heichen. Berlin 1897,
— lllustr. Ausg. Berlin 1900.
Der Sturm auf die Mühle u. and. Nov. 111. v. Fr.
Berger. Stuttgart 1901.
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Der Sturm auf die Mühle u. andere Nov. (kleine Bibl.
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Die Sünde des Abb£ Mouret. Dresden 1899.
Die Sünde des Priesters. Berlin 1 805 u. spätere Aufl.
— Dtsch. v. O. Schwarz. Budapest 1888.
Die Tanzkarte u. andere Novellen. Dtsch. v. E. Hardt.
München 1901.
Therese Raquin. Dtsch. v. E. Berg. Berlin 1899.
— lllustr. Ausg. Berlin 1900.
— Leipzig 1 898.
— Dtsch. v. J. Savits. Berlin 1887.
— Dtsch. v. C. v. Waiden. Dresden 1 899.
— Dtsch v. L. Wechsler. Budapest 1888. 1898.
Der Totschläger (L'Assomoir). Berlin 1897.
— Neue vollst. Übers, mit Abbild. Berlin 1 899.
— Dresden 1 899.
— Dtsch. v. O. Schwarz. Budapest 1 888.
— Dtsch. v. F. Wohlfahrt. 1 Bde. Grossenhain 1881.
BJBLWGJjAPmSCTiETj ANHANG 95
Der Totschläger. Neue Ausg. Übers, v. R. Rode.
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Der Traum. Dtsch. v. P. Heichen. Berlin 1899.
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Um eine Liebesnacht u. a. Nov. Dtsch. v. E. Berg.
Berlin 1900.
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— (Pour une nuit d'amour) u. a. Meisterwerke. Dtsch. v.
F. Höfen. Leipzig j 898.
— u. a. Novellen. München 1900.
Um eine Liebesnacht u. andere Nov. (kleine Bibl. Lan-
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Um eine Liebesnacht. Die Austern des Herrn Chabre.
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Leipzig i 898.
Wahrheit. 3. Tl. d. „Vier Evangelien". Dtsch. v. L.
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Was ich nicht leiden mag. Dtsch. v. P. Heichen. Leip-
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Der Wunsch einer Verstorbenen. Dtsch. v. L.Wechsler.
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Zum Glück d. Damen. Übs. v. H.Rose. Berlin 1895.
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A 000 609 298 5